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Galerie Flox/Volksbank Bautzen


NATUR-belassen
Wieland Richter, Volksbank Bautzen, 8.November 2018

Der Fluss seiner Malarbeit ähnelt der Bewegung von Gletschern. Die für ihn spannendste Arbeit ist ein Abenteuer. Es gleicht dem einer Entdeckungstour.
Der Farbauftrag Schritt für Schritt, Schicht für Schicht lässt Gedankenläufe sichtbar werden, Seelenzustände, Befindlichkeiten.
Wenn im lichtdurchfluteten Dachboden im Anbau des selbst ausgebauten Hauses am Rande Dresdens die Sonne mit weniger Intensität eindringt, verändern sich auch die Farben auf der noch feuchten Leinwand. Und mit ihnen die Stimmung. Ob sie der ursprünglichen Intension des Künstlers entspricht, entscheidet sein Bauchgefühl. Es bestimmt, wohin die Bild-Reise geht. So ruhen die Farben möglicherweise einen Tag oder mehr und haben noch nicht ihr Endstadium erreicht, bedürfen einer Korrektur oder Ergänzung. Manchmal ist dort, wo vorher nicht absehbar, die Reise zu Ende. Vergleichbar mit einem Film, der kein Happy End nötig hat. Oder einem Gedicht, dem der letzte Vers nicht gut tut. Weil er zerstört, an Kraft und Energie verliert von dem, was vorher aufgebaut.
Wieland Richter ist ein Erzähler der Farben. Seine Erzählungen speisen sich aus dem Sehen. Wenn er reist, nimmt er nicht nur mit allen Sinnen auf. Er ist auch mit dem fotografischen Auge unterwegs. Das Benutzen des Objektives dient ihm dabei dem Sich- Versichern, ist Erinnern, ist Inspiration. Die wirkliche Arbeit findet auf Leinwand und Papier statt. Dort entwickelt sich die Vorstellung vom vermittelten Eindruck zu etwas völlig Eigenständigem. Und doch lässt sich instinktiv zuordnen, woher die Inspiration kommt: von den Wasserspielen in Rapura, Neuseeland beispielsweise oder dem Zentralvulkan Krafla in Island, dem Urwald in Australien oder den smaragdenen Quellen in Norwegen.
Der landläufige Ausspruch „Reisen bildet“ findet hier im doppelten Sinne Verwendung. Schätzen die Einen touristische Attraktionen, Kultur- und Kunstdenkmäler, so benutzt der Künstler Eindrücke um Kunst zu erschaffen. Wieland Richter gehört zu den Anderen, die Ruhe, Stille, Abgeschiedenheit schätzen und suchen. Um Natur belassen, wie der Titel dieser Ausstellung, geht es. Tatsächlich gibt es immer weniger Lebensräume dieser Art. Die Veränderung, die der Mensch der Natur angedeihen lässt, ist eine gefährliche, ist Annexion mit größtmöglichen Folgen. Wenn Wieland Richter seine Vorstellung von reiner Natur malt, dann auch um zu zeigen, dass es sich lohnt für deren Erhalt zu kämpfen. Dafür nimmt er selbst Kämpfe gegen Naturgesetze in Kauf: bezwingt Berge, durchquert reißende Flüsse, trotzt Wetterunbill. Einem Zyklon in Neuseeland in diesem Jahr rechtzeitig entkommen, plant er eine weitere Reise. Diese soll ihn wieder nach Norden führen, zu einer Jahreszeit, in der die Temperaturen auch bei uns unter Null angekommen sein werden. Sein Gewinn – Farben aufsaugen, Natur erleben – ist auch ein Gewinn für uns, die wir sehen dürfen, was er anschließend gestalterisch umsetzt.

Wieland Richters Kunst auszuweichen ist nahezu unmöglich. Seit Jahrzehnten bestimmt der Künstler die Kunstlandschaft Dresdens und darüber hinaus mit. Der Funke, der ihn in seiner Kindheit ergriffen hat, Gesehenes, Erlebtes künstlerisch umzusetzen, lässt ihn bis heute nicht los. Über Malerei, Grafik, Performance, Installations- und Objektkunst hat er inzwischen viele Bereiche der Bildenden Kunst bereist. Seit 1985 beschäftigt er sich mit diesen Künsten, seit 1997 ist er freischaffend. Seit nunmehr 16 Jahren befindet sich sein Atelier in Putzkau. Auch dafür hat er Natur gesucht und ein traumhaftes Stück gefunden. Es gibt ihm Ruhe und Kraft, die er braucht. Nur hin und wieder bricht er aus.
Entflieht der Stille in das Treiben der Stadt, genießt Oper oder Theater, trifft Künstlerfreunde und -kollegen. Jahrelange enge Beziehungen zu Künstlern ließen Gemeinschaftsarbeiten möglich werden. Seine Mitgliedschaft im Künstlerbund und im Sächsischen Kunstverein, Stipendien und Ausstellungen sprechen für ihn und seine Kunst. Viele seiner Arbeiten befinden sich im öffentlichen Besitz und in Galerien.

Das Raue, zum Teil Unbezwingbare ist Wieland Richters Metier, sei es, wenn er an der Steilwand klettert oder in der  Farbpalette nach den Entsprechungen für seine inneren Bilder sucht. Finden sie - wie hier in dieser Ausstellung -  Ausdruck auf sehr großen Formaten, stehen dazu im Kontrast die kleinen, zarten mit den ungewohnt runden Formen. Hier begegnen uns auch exotische Tiere, Pflanzen und Menschen. Harmonie herrscht, wo der Kreis das Ying und Yang symbolisiert.

Seiner Leidenschaft zur Fotografie trägt er mittlerweile auch Rechnung. Während er in seinen Landschafts-aufnahmen die Motive seiner malerischen Werke vorwegnimmt, gelangen mehr und mehr atmosphärische Schwarzweißaufnahmen in sein Portfolio. Am besten lässt sich das auf seiner umfangreichen Internetseite ersehen.

Den Kreis schließend möchte ich noch einmal auf eines seiner Reiseziele und Bildmotive Bezug nehmen: Island.
Island, das Land der Trolle und Elfen wird es genannt.
Doch es ist auch das Land der Geysire und Gletscher.
Im Gegensatz zu den Gletschern, die schmelzen, wächst die künstlerische Aktivität von Wieland Richter. Ihm seien mit seinen Reisen dabei noch viele weitere Inspirationen und nachhaltige Eindrücke gewünscht.
Zum anschließenden Rundgang durch die Ausstellung NATUR-belassen von Wieland Richter möchte ich Sie auf meine eigene Island-Saga mitnehmen:



Wasserzeichen auf Papier
ein imaginäres Leuchten
wie Northern Lights
Wer es entziffern kann
wird Wissender sein

für heute und
die Zeit danach
irrlichtert er

Im Land der Trolle
wächst kein Gras
sagst du
und irrlichterst
um mich herum

der Sage nach treffen
sich Elfen hier
und ihre schwarzfüßigen
Spuren
zeigst du mir im
Sand

morgen vielleicht

wenn der Nebel steigt
oder
der Wind die Wattebäusche
von den Gipfeln zupft
und den Geruch von
Schwefel verweht

suhlen wir uns
in unserer Kuhle
aus lavageformten
Betten

die Schafe werden
über uns grasen
und die Stängel
in uns hineinwachsen

Morgen wird der Himmel
blau und grau
über uns hinwegwaschen

Leben in
der weiten Steppe
flussdurchquerend

lösen wir uns auf
in Floras Weiten
Erben der
wasserumströmten
Insel im Norden

dunkelt langsam
der Himmel
am Meer
der gewaltig über uns
zieht
und den Abend birgt

verbeugen uns
noch einmal
vor dem erhabenen
Berggletscher                      
                               

Solvig Frey

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