skip to content

Galerie Kunst und Eros

Steffen Fischer „Unverschämt“ in Galerie Kunst & Eros
15.September 2017


Einer der heißen Sommertage im August geht seinem Ende zu. Die Galeristin sitzt mit lustvoll verschlungenem Haar dem Künstler in dessen Garten gegenüber.
Tief eingetaucht wird ins Philosophische und die Kekse in die zierlichen Porzellantassen. Während das eine tiefschürfend wird, lässt der Kaffeegenuss alle Müdigkeit verfliegen. Man redet sich warm und bald heiß, wenn es um aktuelle Themen geht.
Die Kunst kommt später.
Heiß ist es auch unterm Dach, wo sich die Arbeiten an den Wänden, auf dem Boden und den Tischen zwischen Farben und Maluntensilien türmen. Doch fein geordnet hat der Künstler sie, die Blätter, für die bevorstehende Ausstellung. „Unverschämt“ soll sie heißen. Die Galeristin zieht den Stuhl heran und nickt. Sie möchte alles: die Tänzerinnen, die Pinup-Girls, Leda und ihre Schwäne nebst dem Gehörnten.
Unermüdlich legt der Künstler die Blätter um – die transparenten aus Chinapapier, die Rot-Schwarz-Serie des Kindheitsalbums, die Collagen, die Karikaturen ähneln...
Durch das Dachfenster dringt Abendsonne. Es ist heiß, nicht nur der Temperaturen wegen.
Nun legen wir einen Halt ein bei den Pinup-Girls, die ihre fotografischen Vorbilder nicht verleugnen. Da fällt nicht nur der Galeristin manch alte Melodie ein. Vielleicht klang sie auch dem Künstler beim Malen im Ohr.
Wollen wir doch mal hineinhören....:

Meine Lippen, die küssen so heiß

Die Galeristin legt den Kopf schief, der Künstler blinzelt und meint, es sei schon eine Krux: die Frau, wie sie so da steht als Geliebte, als Mutter verehrt, als Hure gehämt. Sollte sie sich etwa ihrer Lust schämen?
Leda verhöhnt sie und wirft den Kopf in den Nacken:

    Ich tanz den Schwan, Darling, doch du
 bekommst mich nur die halbe Nacht.

'Himmlisch', flüstert die Galeristin und schielt schon nach der nächsten Mappe.

'Höllisch' – lacht der Künstler und fächert seine Mephistoteles-Bilder auf.
Hier sind Alle Schauspieler einer Tragödie. Die Verkleidung verbirgt tiefe Wunden. Die brechen auf in rot-schwarz-blau. Und doch bleiben ihre Darsteller hinter Masken, unangetastet, unerkannt. Die Protagonisten dieses Akts geben nichts preis von ihrem wahren Selbst.
Da geht es schon deutlicher im Reich der „Tauromanie“ zu.
Obwohl Minotaurus weiß, was er will, bekommt er es nicht. Am seidenen Ariadne-Faden hängt sein Leben. Wenn er überleben will, muss er lernen sich zu verbiegen. 
Lustbarkeiten bleiben ihm verwehrt, er ist eben halb Mensch, halb Stier.

    Bleib bei mir, Schöne, röchelt der Gehörnte,
doch halten kann er sie nicht, sehe ich.

Der Künstler wirft den Satz in die Runde „Der Stier bin ich – wie mein Sternzeichen“. Die Galeristin lächelt verschmitzt.


Weißt du, dass du gefesselt liegst
In meiner wilden Phantasie...
Damit du mich mit Küssen besiegst
In den schwarzen Nächten, in der Dämm’rung früh.

Weiß du, wo die Anemonen stehn
Rotfunkelnd, wie ein Feuermeer...
Ich hab zu tief in die Kelche gesehn
Und lasse die Sünde nimmermehr.

Und wäre sie noch so thränenreich –
Und stürbst du in meiner sengenden Glut...
Meine Hölle verbirgt dein Himmelreich,
Und zerschmelzen sollst du in meinem Blut.


Else Laske-Schüler




Der Künstler klappt die Mappe zu und die nächste auf – großformatige Aquarelle, die die Identität in Frage stellen. Nicht auf den ersten Blick. Doch dann: Borderliner? Transgender? Wieviel von dem ist in uns? Sind wir bereit für einen Rollentausch?   

   Wechsel die Seiten, dressman, wir wollen zusammen fortziehn.
winselt es vom Papier.

Und nun rascheln auch noch die Seiten mit ihren aufgebauschten Röcken. Im Tanzstil des Cancans schießen Rot und Gelb und Violett auf uns zu. Die Galeristin ist benommen und stößt schließlich ein: „Ja, das und das!“ hervor.
Die Flamencotänzerin streckt den Rücken und den Fächer ins Gesicht des Künstlers. Sie will auch... mit! Nun sollen sie.
Wir lassen sie – zunächst - in den Mappen und legen eine kleine Ruhepause ein.

Ach mein weißes Bette (Lied)

Der Künstler und die Galeristin sind sich einig. Sie legen die Blätter in die Mappen und verschließen den Koffer mit der Sammlung für die Ausstellung.
Es wird großartig!

Ja, und hier sind sie nun, die Auserwählten. Bereit Sie zu empfangen, Licht und Schatten zu werfen, zu bezirzen und delikat zu umschmeicheln.

Der Künstler Steffen Fischer, Jahrgang 1954, hat sie erschaffen. Es sind Traum- und Tagebuchgestalten. Er ist uns hier ja keineswegs ein Unbekannter. Deshalb in Kürze nur soviel:
Nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden begleitet er seit den 80er Jahren besonders die Dresdner Kunstszene mit unterschiedlichen Facetten seiner Arbeit in Öl, Acryl, Aquarell, Tusche, Buntstift, als Collagen, Grafiken, Zeichnungen und Gemälde. Zu finden sind seine Bilder stetig in Galerien und Sammelausstellungen, auch international. Zuletzt waren Arbeiten von ihm in der Galerie Mitte zu sehen.
Janett Noack wählte für ihre Galerie besonders kleine Formate mit lustvollen Darstellungen. Freude sollen sie machen und anregen, so wie unser letzter Akt:
Erotischer Neunzeilercher Neunzeiler
Du mundest mir
Dein Salz auf meiner Zunge
Scharf
Wie deine Säfte
Kräftig
Noch und noch
Und mehr davon
Verzückter Spender
Gib deinem Ständer keine Ruh

Ilma Rakusa



Solvig Frey
15.September 2017

 

Galerie Kunst&Eros