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Menschen lieben Kunst

eine Foto-Ausstellung von Stefan Gärtner in der SKSD-Galerie

 

„Du sitzt mir gegenüber und schaust an mir vorbei...“ - seit ich das Foto von Stefan Gärtner hier in der Ausstellung gesehen habe, klingt dieses Lied aus dem Musical „Linie 1“ in mir.

Ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, die Fülle von Bildern einer Ausstellung durch einige wenige beherrschen zu lassen. Hab ich mir die Gesamtheit erschlossen, kehre ich zunächst in Gedanken und schließlich an die Stelle selbst zurück zu denen, die sich mir nachhaltig eingeprägt haben. Ich nehme sie in mir auf um sie fortzusetzen. Sie geben mir etwas mit auf meinem Weg, bereichern meine Phantasie und Erfahrenswelt. Es kann vorkommen, dass es nur ein einziges Bild ist, eins, das mich am stärksten berührt. Doch damit wird dieses Abbild, das ein Anderer geschaffen hat, für mich zu einer schicksalhaften Begegnung.

Jeder kennt sie, die schicksalhaften Begegnungen: auf der Straße, im Café, der Bahn, im Konzert...Gemeint sind die emotionalen Berührungen, die leisen Traumgespinste, die sich dabei entfalten.

„Du sitzt mir jede Woche eine Stunde vis à vis...“ - die tägliche Reise mit der Bahn zur Arbeit und zurück, immer zur gleichen Zeit,  lässt eine kleine Fahrgemeinschaft entstehen. Fast verschwörerisch. Hinsehen muss man nicht, man kennt sich.
Ganz direkte Kontakte entstehen auch im Konzert. Entweder teilst du die Armlehne mit deinem Sitznachbarn oder Ihr steht beengt nebeneinander. Möglich, dass Ihr- obschon Ihr Euch fremd seid – länger berührt als nötig und Euch am Ende erkennend in die Augen blickt. Musik verbindet.
Im Café setzt du dich ahnungslos an den Tisch des Pärchens, das gerade sein Leben aufteilt. Unvermittelt bist du mittendrin. Hast Platz genommen, weil du nicht allein an einem Tisch sein wolltest. Nun wirst du unfreiwillig zum Empfänger eines Dialogs, den nur du als Fremder teilen kannst.
Dann die flüchtigen Begegnungen auf der Straße. Der verschämte Blick, das unabsichtliche Streifen von Händen, der Windhauch, der dir einen Duft entgegenträgt. Du hältst den Atem an. Ein kurzer Moment der Spannung.
Alle diese Begegnungen machen etwas mit dir. Sie beeinflussen dein Denken. Und manchmal änderst du für sie deinen Lauf. Vielleicht dann, wenn du dabei genau auf den Menschen triffst, der das hat, was du bereits kennst: einen ähnlichen Lebenslauf, Interessen, Erscheinung.
„Du sitzt mir gegenüber ich weiß nicht mehr seit wann. Ich hatte mal die Schnapsidee, ich sprech'dich einfach an...“

Jeder wirft seine Blicke aus. Jeder stellt seine Fragen. Jeder findet etwas für sich Nachhaltiges. Unterschiedliche Berührungen sind das, mal laut, mal leiser oder auch: tonlos. Tonlos bleibt, was keinen Gegenklang erzeugt. Doch hat das Gegenüber den Ton gefunden, den es braucht um zu klingen, entsteht ein Wohlklang. Wahrnehmbar für den Anderen, der ebenso sensibilisiert sieht und sendet.
So beginnen sie, die schicksalhaften Begegnungen.

Und nun stehst du in dieser Ausstellung.
Bist auf der Suche nach dem, was dich ganz persönlich betrifft. Vielleicht ist es eine Suche nach dir selbst.
Das lernende Auge verpflichtet dich immer weiter zu suchen. Wie beim Yoga, wenn die im Geist wiederholte Endentspannung der Muskelgruppen Kraft und Intensität im Körper speichert, so registriert das Gedächtnis die emotionalen An-Regungen. 

Warum denke ich nun ausgerechnet schon wieder an dieses Lied: „Du sitzt mir gegenüber und schaust an mir vorbei...“
Weil ich mir in dieser Ausstellung folgendes Bild ausgewählt habe, das mich besonders berührt:
Das Foto von der blonden Frau, die den Mann auf dem Fensterbrett der Alten Spinnerei Leipzig hypnotisiert. Er dreht sich einfach nicht zu ihr um. Möglicherweise hat er Angst vor dem Erkennen in ihrem Blick. Mag grad jetzt nicht dem Schicksal begegnen.
Eine Alltagssituation, die Stefan Gärtner hier eingefangen hat.

Stefan Gärtner, der sich schon früh in die Fotografie verliebte, dem das Auge wichtiger als die Blendgröße seiner Kamera ist, ließ sich schon immer gern inspirieren. Seine Reisen durch die Welt verhelfen ihm dabei zu einzigartigen Motiven, weswegen seine Internetseite eine große fotografische Themenvielfalt beinhaltet.
Dabei kommentiert er mit dem ihm eigenen Humor Fotoarbeiten und Hintergründe dieser. Er erzählt Geschichten in lyrischen Abschnitten und mit seinen Fotos. Nach Workshops in diesem Fach kann man mit Recht behaupten, dass er als studierter Fabrikplaner nun seine künstlerische Karriere plant.
Die Bilder dieser Ausstellung sind nur einige der Glanzlichter seiner fotokünstlerischen Tätigkeit.

Und ja, es haben mich auch alle anderen Fotos seiner Ausstellung erreicht.
Doch dieses Eine – das in Leipzig entstandene -  schafft es für mich den Teppich der Phantasie auszubreiten und eben nicht zu singen „Ich sitz dir gegenüber und schau an dir vorbei...“

Solvig Frey

Ausstellungseröffnung am 29.07.2016

Foyerausstellung  vom 30.07.-24.12.2016

geöffnet: Mo-Fr 9-17 Uhr, Sa bis 13 Uhr 

PhotoGaraphie by Stefan Gärtner