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Ortsches Gut

„Schweben-Halten“ Eckhard Kempin
25.August 2018 Orthsches Gut Quohren


Am besten, man ignoriert die Klingel am Eingangstor und läuft den Gartenweg entlang – ein zurückgesetztes Grundstück inmitten modern errichteter Wohnblöcke.
Im denkmalgeschützten Haus führt eine Treppe hinauf in die Wohn-und Arbeitsräume von Eckhard Kempin. Schräge Wände empfangen den Gast, beherbergen Dutzende Bilder und Grafiken, in den Regalen Bücher mit Werken, eigenen und fremden.
Im Wohnbereich eine entkleidete Wand, bereit dem Besucher als Schauwand zu dienen. Eckhard Kempin ist der Bildvorführer. Ein Wechsel von Farben, Formen und gestalterischer Vielfalt. So kennt man den äußerst produktiven Maler bereits. Aber nicht seine im relativ kurzen Zeitraum – zwischen 2016 und 2018 - geschaffenen neuen Werke, viele anlässlich der heute zu eröffnenden Ausstellung „Schweben – Halten“. Und offensichtlich gab es für ihn bei diesem Thema kein Halten, denn eine Farbexplosion in Grün, Blau, Gelb und Rot macht sich breit. Wären es nicht draußen bereits sommerliche 30 Grad Celsius, würde man schon glatt der satten Farben wegen zerschmelzen. Zieht eben noch die „Grüne Honigmondin“ an mir vorbei, eröffnen „Sommerwehen“ lichte Momente. Engel, fliegende Wesen und stilisierte Flügel bevölkern auf einmal die Wand. Kaum dass Luftholen beim Diskutieren über Gesehenes möglich ist, schlagen die Wellen hoch, als wir eine kurze Pause bei Pastellfarben am „Meer“ und einer Tasse Kaffee dazu einlegen.
Erdige Töne beenden die Schau, wir steigen die schmale Treppe wieder hinab, umrunden das Häuschen und setzen die Vorführung im ebenerdigen Bereich fort.
Eckhard Kempin bedauert seine Werke hier nicht dauerhaft lagern zu können. Zu feucht sind die Räumlichkeiten und somit wieder mal keine wirkliche Bleibe für seine zahlreichen Werke, die ihren Dornröschenschlaf seit vielen Jahren in einem Gehöft im Norden der Stadt fristen. Aber sei es drum: gerade bereitet der Künstler 3 Ausstellungen vor. Es gibt also viel zu zeigen und also gerade auch hier viel zu besichtigen.

Die Reise geht nun weiter: auf einem Segelboot, in die Berge und nach Breslau, wo der Künstler das Bonhöfer-Denkmal neben der Kirche festgehalten hat und seiner eigenen Geschichte gefolgt ist. Und immer wieder gibt es Flügelschläge – das Hauptthema dieser Ausstellung.
Wozu die Schwingen ausbreiten, möchten sie sagen, wir leben hier und jetzt. Mögen wir auch weit reisen, fremde Ländereien besuchen, letztlich führt uns unsere Reise doch immer wieder zu uns selbst. „Manchmal hat man, was man will und dann hat man etwas, was man nicht wollte.“, stellt der Künstler fest. Und das gilt wohl auch für die Art und Weise, wie seine Bilder entstehen. Mal führen ihn Träume – wie lang sie auch zurück liegen mögen – in seine Bilderwelt. Mal sind Musik und Tanz Inspiration für ihn. Tanzen, Dahinschweben – das können seine Figuren beim Salsa oder beim Cellospiel. Was nützt es dem mit sich Hadernden; bei diesem Rhythmus muss er einfach mit, der „Leisetreter“, sagt schulterzuckend und augenzwinkernd der Maler.
Zwischen Öl- und Schablonenbild verstecken sich lichtdurchlässige Blätter mit leichtem Ölauftrag. Sie werden zu Fensterbildern, die den Sommer von draußen nach drinnen holen.
Wir betreten den wilden Garten, der unter der anhaltenden Hitze leidet. Der Pumpenschwängel steht still, die Putte weist den Weg nach draußen und ich schaue hoch zu den holzverzierten Giebeln, die über einem sanierungsbedürftigen Gebäude thronen. Noch umrahmen sie friedlich Dachfirst und Balkon. Noch finden Insekten ihr Nest am Fenster, liegt der Stapel frischen Holzes gut geschichtet vor der Tür.
Ich wünsche dem Maler eine gute Zeit hier – er hat so Einiges geplant: Lesungen, Ausstellungen, Treffen mit Freunden. Auch dafür bietet dieses Haus Raum. Doch noch ist Sommer und der Winter könnte hier etwas ungemütlich werden.
Aber erst einmal denkt er ans Reisen.
Dieses ungestüme In-Bewegung-Sein ist bewundernswert, ebenso wie sein höchst produktives künstlerisches Schaffen.


Es ist Eckhard Kempins 103. Ausstellung. Dahinter steht eine beachtliche Anzahl entstandener und gezeigter Arbeiten. Wieviel genau weiß der mittlerweile 77jährige nicht zu sagen. Der diplomierte Maler und Grafiker ist ein Mensch, der mit dem Bildbetrachter in Austausch treten will, ihn in Zwiesprache mit dem Optischen bringt.
Eckhard Kempin ist aus der Kunstszene Dresdens und Thüringens nicht wegzudenken. Als Mitglied im Sächsischen Künstlerbund und im Kunstverein gibt es von ihm viele Arbeiten in Galerien, Museen und im öffentlichen Raum. Und das nicht nur in dem genannten Wirkungskreis, sondern auch im weiteren In- und Ausland. Sein Werk reiht sich ein in die Tradition der Dresdner Brücke. Er wird als Vertreter der klassischen Moderne bezeichnet.
Trotz allem bleibt Eckhard Kempin ein Suchender in Kunst und Leben. Sein Antrieb sind wohl die Art und Weise, wie er über sich selbst lachen kann, sich selbst nicht so wichtig nimmt. Häufig landen Leinwände erneut unter dem Malerpinsel. Diese sich in Arbeit befindlichen Werke – man nennt dies in meiner industriellen Arbeitswelt 'work in process' - ermöglichen eine Begegnung mit den Denk-und Sehprozessen des Künstlers. Perfekte Form- und Farbharmonie sind Zugmittel. Der Weg dabei das Ziel, die malerische Auseinandersetzung mit dem Thema wichtiger als das letztlich fertige Werk.
Neben Spiegelungen und Brechungen wiederkehrende Janusköpfe. Und das Auf-den-Kopf-Stellen bleibt nicht nur einem Baselitzwerk vorbehalten.
So dreht und wendet sich manch Blatt …
Während in dieser Ausstellung Arbeiten mit Öl Vorrang haben, ist eine grafische Ausstellung gerade noch in Vorbereitung.
Die Technikvielfalt, die Eckhard Kempin beherrscht – von der Wand-und Fenstermalerei über Holzschnitt, Siebdruck und Collagen - lässt sich hier nur erwähnen. Ein Besuch des Fundus seines künstlerischen Werkes gäbe da eher einen Einblick. Wenn Sie mit dem Künstler ins Gespräch kommen - und ich garantiere Ihnen, dass er das sehr gerne tut, wie bereits erwähnt - können Sie sich von seiner lebendigen Art Geschichten zu erzählen anstecken lassen. Diese warten noch darauf ins Reine geschrieben zu werden.
Doch bis dahin begnügen wir uns mit seinen malerischen Erzählungen.
„Das, was man zu sagen hat, auch wirklich zu sagen, sei es nun mit Worten oder mit Farben oder mit Tönen, darauf allein kommt (kam) es an.“ Mit dem Zitat von Hermann Hesse, selbst Dichter nicht nur in Wort, sondern auch in Farbe, möchte ich Sie einladen die Bilder von Eckhard Kempin unter dem Aspekt einer leichtfüßigen Lesart zu betrachten, eben eher schwebend und manchmal auch dabei inne haltend.

Solvig Frey
25. August 2018