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Rezension

Tim Mohr

„Stirb nicht im Warteraum der Zukunft“
Tim Mohr
Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer
Heyne-Verlag, 2017
ISBN: 978-3-453-27127-2

Als ein Freund ihm Fotos und Dokumente aus den 80er Jahren in der DDR zeigt, beschließt der Amerikaner Tim Mohr, der  Anfang der 90er Jahre in Berlin als Club-DJ lebt, ein Buch zu schreiben. Von Punks ist in dem Buch vorallem die Rede und von Too much future. Der Freund, Michael Kobs, war Gitarrist bei der Punkband Planlos.
„Berlin, Punk Rock City“.

Do it yourself. Schaff dir deine eigene Welt, deine eigene Realität.

Als Ender der 70er Jahre die Sex Pistols mit schrägen Songs die westlichen Charts eroberten, wurden auch Jugendliche in ostdeutschen Städten hellhörig. Denn sie vernahmen – wie die westliche Jugend – den Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung. Britta, ein Berliner Mädchen, war fasziniert: „Punk klang, sah aus und fühlte sich an wie Freiheit.“ Sie schuf sich ein eigenes Outfit, angelehnt an das der Sex Pistols und war fortan Major. Ein Mädchen, über das 1978 –  sie war gerade 16 geworden – eine Akte angelegt und das damit zum Staatsfeind erklärt wurde. Seitdem stand sie unter ständiger Beobachtung und wurde schließlich nach mehreren Haftstrafen Anfang der 80er Jahre in den Westen abgeschoben.
Sie blieb nicht die Einzige, die wegen ihres Aussehens und Verhaltens Aufsehen erregte. Bald wurden alle, die ihr ähnlich Haare und Kleidung nicht den üblichen Standards anpassten und gegen die vom Staat vorgesehenen Lebenswege rebellierten, ausgegrenzt, beobachtet, verhört und inhaftiert. Doch auch als die Punks ihren ersten Treffpunkt im Plänterwald verloren, Stadtverbot erhielten, aggressive Bedrohungen, Repressalien und Gewalt erlitten, setzten sie sich vehement zur Wehr. Dass sie das nicht nur verbal taten, unterschied sie von Hippies und Umweltschützern. Sie waren nicht bequem.
„Bist du denn geboren worden um dich allem unterzuordnen?“

Die Kirche wurde Hort und Aufnahmestätte der Ausgegrenzten. Mit A-Micha, so benannt wegen seiner großen Geschichts- und Literaturkenntnisse bezüglich Anarchie und Kopf der Punkband Namenlos änderte sich das Konzept der „Offenen Arbeit“ in der Kirche, die u.a. auch die Punks beherbergte. Mit Hilfe engagierter Pfarrer und Diakone war es möglich Strukturen aufzubauen, in die der Staat nicht ohne Weiteres einzugreifen die Macht hatte. Konzerte, Diskussionsrunden und offene Abende fanden statt. Daneben bildete sich eine kleine Verlegergruppe heraus, die in der Herausgabe politisch motivierter Mitteilungsblätter aktiv wurde. Hier ging es nicht nur um Aussehen und Musik. Es ging um viel mehr. Punk als Lebenshaltung, als Anschauung: „Taten statt Worte, Rebellion statt Reform.“
Stirb nicht im Warteraum der Zukunft.

Berlin war zwar zentraler Punkt der ostdeutschen Punkbewegung. Doch auch in anderen Städten bildeten sich kleinere oder größere Punkgruppen: in Halle, Erfurt, Weimar, Leipzig, Dresden...Einige der Bands, die dabei entstanden, wie Schleim-Keim, Paranoia, L'Attentat, Kein Talent, Antitrott versuchten sich auf selbst organisierten Festivals zu treffen, wurden größtenteils von Stasi und Polizei jedoch daran gehindert, teilweise festgenommen, verhört und unter Druck gesetzt. Manche Freundschaften überstanden die aggressive Zersetzungspolitik der Stasi nicht. Außerdem machten ostdeutsche Skinheads neben ganz normalen Bürgern den Punks das Leben schwer. Aber die gaben nicht auf. Sie waren nicht aufzuhalten.
Revolution von unten

Man kennt den Ausgang der Geschichte: die Unmutsbekundungen wuchsen und gipfelten in Demonstrationen mit wachsender Beteiligung auch ganz „normaler“ Bürger, der gesamte Ostblock geriet ins Wanken, der Fall der Mauer in Berlin...
„Wir sind das Volk“
(übrigens eine Textzeile von Otze aus dem Lied „Prügelknabe“ von Schleim-Keim),

Tim Mohr lebt heute als Journalist, Übersetzer und Ghostwriter von Biographien in Brooklyn, USA. Er hat den Punks der DDR als aktiven Gegnern von Staatsgewalt mit diesem über 500 Seiten starken Text (incl.Fotomaterial) ein Denkmal gesetzt, auch weil er Parallelen zur Überwachungspolitik und Polizeigewalt in seinem Land sieht. Über einen Zeitraum von sieben Jahren hat er in Interviews Haltungen und Erinnerungen hinterfragt, Stasiakten gewälzt und ausgewertet und mit Hilfe deutscher Übersetzer seinen Text in eine romanhafte Fassung gebracht.
Dem Leser werden damit ganz unmittelbar Zeit, Befindlichkeiten und großer Kampf- und Widerstandsgeist einer Gruppe von jungen Menschen gegenwärtig, die größtenteils keineswegs das Bedürfnis hatten, ihr Glück im Westen zu suchen, sondern im Gegenteil in der DDR bleiben wollten und dort Veränderung anstrebten. Die sich auch nach der Revolution gegen die Vereinnahmung durch die westlichen Bundesländer und eine schnelle Übernahme der DDR aussprachen und engagierten.

Ein mitreißendes Plädoyer für Freiheit und Demokratie und auf seine eigene Art ein sehr heutiger Wegweiser dahin.