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Jutta Voigt



Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens
Jutta Voigt
Aufbau-Verlag, 2016
ISBN 978-3-351-03611-9

Madleen und Raphael sind ein Paar, das zwischen den Welten flaniert. Sie sind mal Akteure, mal stille Beobachter. Sie er-leben die Zeit der Boheme in den 60er bis 80er Jahren in dem kleinen Land, das sich DDR nennt. Sie sind Teil einer Künstlergeneration, die die Lücken des staatlich verordneten Kulturprogramms zu finden weiß. Die trotz der Vielen, die ihr Glück woanders suchen, bleiben. In den Künstlerkneipen, die Zuflucht für Flüchtende sind: der Lampion, das Mosaik, im Schloss Wiepersdorf oder im  Wiener Cafè, das nicht mal ein solches sein wollte. Einfach anders sein, den Traum von der Kunst und vom Leben in der selbsternannten Freiheit träumen. Das alles gehörte in die Welt der Möchtegern- und der wahren Künstler. Protegiert die Einen von bekannten Namen, mit viel Wut und kreativer Kraft gezeichnet die Anderen. Einige verlassen das zu eng gewordene Land, das ihre Stimme nicht mehr braucht. Wenige bleiben unbeirrbar da. Viele zerbrechen an dem, was danach kommt. Nach den „Stierblutjahren“.

Jutta Voigt, die Journalistin, erlebt die Jahrzehnte, die sie beschreibt, von verschiedenen Seiten. Mittendrin ist sie Teil der Kunstszene. Als Madleen trifft sie die Gestandenen und die Gestrandeten. Und mutig stellt sie als Jutta ihr Ego zur Seite und befragt sie nach langer Zeit zu deren Erfahrungen und Erinnerungen. Ein schmerzhafter Prozess, so scheint es, war das für manche. Das Bohemeleben. Außer Affären, Alkohol und dem Bedürfnis, so oder so überleben zu müssen, war da oft nicht mehr. So meint es jedenfalls die Schriftstellerin Katja Lange-Müller.
Die Abkehr vom Traum zur Wirklichkeit wird deutlich in manch gestreifter Biographie.  Boheme  – ein veralteter Begriff, der Schatten in die Vergangenheit wirft. Jutta Voigt hat ihn eingefangen um die Zeit nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen.
Auch wenn sich die Zeiten gewandelt haben, muss der Typus Künstler auch heute wieder Überlebensstrategien entwickeln. Nur dass die Weinsorte heute eine andere ist als damals.

Das Buch „Stierblutjahre“ ist ein lebendiges Portrait von dem, was möglich war in einer Zeit der Leere und Enge. Es ist aber auch ein Denkmal für alle Vergessenen und Verbrämten.
Der vom erzählenden ins dokumentarisch-journalistisch wechselnde Stil der Autorin lässt nie vergessen, dass es hier um erlebte Wirklichkeit geht.
Stierblut – das war nicht nur Wein, sondern auch verbindendes Element, Kraft und Zusammenhalt.