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Selim Özdogan


„Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“
Selim Özdogan

Haymon-Verlag, 2016
ISBN 978-3-7099-7238-0

Krishna Mustafa also. Ein Name, so bunt wie das Hippie-Paradies in Indien, aus dem seine Mutter im Sommer 1989 zurückkehrt. Und so verheißungsvoll wie die Stadt, in der sie seinen Vater kennen lernt: Istanbul. Dort verkauft er im Puddingshop Haschisch an Touristen.
Die fremde Religion, das fremde Land findet die Mutter gut, aber auf die Schule soll Krishna nicht in der Türkei, sondern in Deutschland gehen. Deshalb zieht die Familie nach Freiburg. Doch schon sehr bald hat sein Vater genug davon sich den Tee selbst zubereiten zu müssen. Er kehrt dem Land mit seinen fremden Regeln den Rücken.
Was tut man als deutscher Türke, wenn man Antworten auf die Frage nach der eigenen Herkunft sucht? Findet man sie in der Begegnung mit Türken oder mit Deutschen?
Krishna Mustafa reist auf der Suche nach seiner Identität und seinem Vater nach Instanbul. Dabei fühlt er sich nicht unbedingt als Einer, der nicht weiß, was er will. Aber Laura, seine Freundin, hat ihn mit genau diesem Vorwurf verlassen.
Er sucht in der Stadt der Kulturen nach den berühmten Moscheen und findet vor allem Kirchen. Er sucht im Regen Schutz in einem Waffenladen und findet im Puddingshop ein Mädchen mit Dreadlocks, wie er sie hatte. Doch er kann nicht aufhören an Laura zu denken.
Ob ein Interview, das er einer Zeitung via Internet gibt, seine Fragen beantwortet?
Im Gegenteil!
Fortan wird Krishna rappend, mit Bart, kurzen Haaren und einem Foto aus der Überwachungskamera des Waffenladens im Internet als IS-Anwärter gehandelt. Obwohl er damit ins Fadenkreuz des deutschen Verfassungsschutzes gerät, stört ihn nichts an der erfundenen Identität. Selbstverliebt schielt er auf die wachsende Klickzahl für sein Video.  
Als Esra, die Mitbewohnerin seiner WG in Istanbul, stundenlang in Polizeigewahrsam genommen wird, vermutet ihr Freund Yunus, sie seien aufgeflogen, weil sie gemeinsam einen Film über die Gezi-Proteste gedreht haben. Und auch Mitbewohner Isa, der übersetzt „Jesus“ heißt und eine Narbe dort an der Hand hat, wo der Heiland genagelt wurde, geht kaum noch nach draußen.
Die Angst springt jetzt auch Krishna Mustafa an.
Nach mehreren Versuchen das richtige Starbucks-Café ihrer Verabredung zu finden, trifft er endlich seinen Vater. Doch auch der wirft nur Fragen auf und gibt keine Antworten. Sehr eindringlich äußert er jedoch seine Bedenken, die Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes heißen und jeden Montag in Dresden marschieren. Vielleicht, entgegnet ihm Mustafa, haben die Leute dort Angst, wo es keine Ausländer gibt. Denn es ist doch so: „wenn genug da sind, verträgt man sie auch besser...Das ist wie mit dem Alkohol. Wenn man viel trinkt, dann verträgt man viel.“

Selim Özdogan begibt sich mit seinem neuen Roman, erschienen im Haymon-Verlag wie die letzten beiden, auf eine Reise zu seinen eigenen Wurzeln. Als Sohn türkischer Eltern in Köln geboren und aufgewachsen, weiß er, wie weit man von dem, was man Heimat nennt, entfernt sein kann. Sein Buch, das die Befindlichkeit vieler türkischstämmiger Deutscher wiederspiegelt, könnte somit aktueller nicht sein. Der Autor setzt sich intensiv mit politischen Ereignissen, Strömungen und Konflikten auseinander. Er tut dies auf eine erzählerisch-humorvolle Weise. Als Mittel dient ihm dazu u.a.die literarische Erzählweise der Antike. Er lässt den Chor der Einäugigen, in denen der Blinde König ist, zu Wort kommen. Beiläufig jubelt er dem Leser die Geschichte von Nasreddin Hodscha und seinem Esel unter.
Kleine, die nächsten Ereignisse zusammenfassende Überschriften unterteilen den Text in  Spannung aufbauende Häppchen.
Der Roman gewinnt vor allem durch den erzählerischen Blickwinkel des jungen Protagonisten, der die Suche nach Antworten etwas naiv, doch gleichzeitig sehr ehrlich in Angriff nimmt. Selim Özdogan ist die Bedeutung jedes seiner Wörter absolut wichtig. Er setzt sie bewusst und entlarvt damit deutsche Gepflogenheitsfloskeln. Er fragt nach Inhalten und hinterfragt deren Verpackung.
Das Frage-Antwort-Spiel gewinnt an Brisanz, je mehr sich seine Hauptfigur begreift und nicht mehr nur äußerlich nach Spuren seiner Identität Ausschau hält.

Wie weit, wie nah ist Krishna Mustafa zu sich selbst gekommen in dem halben Jahr Istanbul? „Wenn ich zurück bin, bevor ich mich finde, soll ich dann auf mich warten?“, fragt er.
Selim Ödzogan, dem die Idee zu diesem Roman bei einem halbjährlichen Schreibaufenthalt in Istanbul kam, ist zu wünschen, dass er mit diesem Text noch einmal auf gleiche Weise wahrgenommen wird wie mit seinem Erstlingsroman im Jahre 1996:  „Es ist so einsam im Sattel, wenn das Pferd tot ist“.