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St.Marienkrankenhaus

 

Anke Kiermeier
19.Juni 2019 St.Marienkrankenhaus Klotzsche


Vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab: ich sehe Morgentau auf der Wiese und eine Frau, die die feuchten Gräser mit jedem Schritt behutsam niedertritt, bis sie an einem Fleck Halt macht, der ihr geeignet scheint sich niederzulassen. Sie nimmt den Rucksack vom Rücken, der schwer und wuchtig, fast zu schwer für sie ist. Dem Karren, den sie hinter sich hergezogen hat, entnimmt sie eine Staffelei, dem Rucksack Farben, Leinwand und Pinsel. Ihr Zittern rührt nicht von der Kälte, sondern vielmehr von der Erregung her, in die sie die Frische der Luft, die darin liegenden Düfte, das sich leicht biegende Gras, die unmerklich durch den Wind sich biegenden Äste der Bäume versetzt. Ihre Hände müssen sich noch an der Tasse mit heißem Tee aufwärmen. Aber nicht lange, denn es gilt die schönste Zeit des Tages zu nutzen. Die Sonne quält sich durch den verhangenen Himmel und plötzlich fällt ein Schatten von den Bäumen auf die Wiese. Diesen Augenblick einfangen, denkt sich die Frau, die Malerin, und beginnt ihr Tageswerk.

„Den einfachen Dingen eine Poesie zu geben“, treibe sie an, sagt Anke Kiermeier. Ihre Bilder müssen „lesbar“ sein. Und das sind sie! Genau wie die Impressionisten sammelt sie unmittelbare Eindrücke um sie später oder auch gleich vor Ort zu verarbeiten. Ihre Skizzenbücher, selbst kleinen Kunstwerken anmutend, verraten viel Fleiß, Genauigkeit in der Aufnahme und bereits Umsetzungsideen. Die farbigen Ausführungen in Pastellkreide, Aquarell oder Gouache - auch in Öl – sind Fortführungen ihrer Zeichnungen. Beides fertigt sie en plein air – unter freiem Himmel. Manches bekommt durch die Farbigkeit einen weiteren, neuen Ausdruck. Doch hält man die Zeichnung daneben (so wie bei der Lichtung, wo das Schattenspiel der Bäume auf der Wiese nicht nur sicht-, sondern auch spürbar ist), so hat diese keinewegs weniger Kraft oder Wirksamkeit. Die Intensität ist ebenso stark und berührt den Betrachter tief innen.
Das ist, was die Künstlerin mit ihren Bildern möchte: anrühren, berühren. Die sinnliche Erfahrung, die sie machen konnte, weitergeben. Dies tut sie nicht nur in ihrer Malerei, sondern auch in Form von Unterricht im Freien. Doch dazu später noch.

Anke Kiermeier malt intensiv seit 2004. Ihre Passion dafür entwickelte sie während der Anfangszeit ihres Architekturstudiums. Dort erregten ihre Freihand-zeichnungen die Aufmerksamkeit ihres Professors, drängten sie sich eingehender mit der Bildenden Kunst statt der Architektur als wissenschaftlicher Baukunst zu beschäftigen.
Mit der Geburt ihrer Töchter widmete sie sich voll und ganz dem Zeichnen und der Malerei, nahm Unterricht bei der von ihr sehr verehrten Künstlerin und Meisterschülerin von Professor Max Uhlig, Gabi Keil, erweiterte ihr Können beim  Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seit 2016 ist sie Mitglied des Künsterbundes und nicht nur auf Künstlermärkten präsent, sondern beteiligt sich auch an Ausstellungen.
Die Ausstellung hier ist ihre erste Personalausstellung.

Anke Kiermeier arbeitet kontinuierlich, widmet sich Studien, indem sie im Kupferstichkabinett die Alten Meister liest. Der Begriff des „Lesens“ ist wichtig für sie, obwohl es keine Buchstaben, dafür Zeichen sind, die sie setzt. Nach den anfangs vollständig realistischen Abbildungen gelangte sie allmählich zu einer Form der Reduktion, die man am ehesten mit der Form eines Gedichtes vergleichen kann.
In ihren, mit wenigen Strichen gezeichneten Bildern hält sie Augenblicke fest. Doch ist dieser Augen-Blick eben nur das, was ihr Auge in dem Moment als wesentlich erfasst. So gesehen zum Beispiel die Weinberge in Radebeul – links zeigt sich scheu der Bismarckturm, rechts thront erhaben das Spitzhaus auf dem Berge.
Radebeul ist für sie ein gern gewählter Anlaufort, nicht nur die Weinberge, auch die Elblage sind willkommenes Motiv.
 „Elbe bei Niedrigwasser“ - ein Bild, das es in Variation gibt. Den Sommer 2018 mit dem ausgetrockneten Wasserbett der Elbe hielt sie hier fest.
Der Park in Pillnitz, der Rosengarten in der Dresdner Neustadt – für uns Dresdner bekannte und beliebte Plätze für ein Auftanken im Grünen.

Ich habe Anke Kiermeier gefragt, wie es für sie ist, an solch öffentlichen Orten zu malen. Ihre Antwort, sie nähme das, was um sie herum geschieht, nicht wahr, zeigt, wie medidativ ihre Arbeitsweise ist. Dass sie Leute, denen sie mit ihrem Rucksack, dem Wagen und befleckter Kleidung begegnet, manchmal komisch ansehen, stört sie nicht. Das Zeichnen, das Malen steht über Allem.
Fast ist es eine Sucht, gesteht sie leise. Die Natur wahrzu-nehmen, sie aufzunehmen mit allen Sinnen, sich vom Wechsel der Stimmungen leiten zu lassen...diese Faszination begleitet sie. Wenn das Wetter es doch nicht zulässt draußen zu malen, stellt sie sich in ihrem Haus in Großerkmannsdorf Stillleben zusammen. Das nahe Liegende ist ihr dabei das Liebste: das Bücherregal im kleinen Atelierzimmer, Früchte auf selbst geklöppeltem Tuch oder einfach Materialien, die sie für eine Studie anordnet. Das geschieht nie zufällig, auch wenn die Anordnung dies suggeriert.

Neben Blumenaquarellen und architektonischen Anleihen in Landschaftsbildern rückt seit kurzem das Abbilden ihr nahe stehender Menschen in den Vordergrund. Sie hätte da noch viel zu tun, damit nichts (und Niemand ihrer Lieben) in Vergessenheit geriete, sagt Anke Kiermeier.


Wo die Künstlerin Heimat fühlt, weiß sie nicht zu sagen. Den Großteil ihrer Lebenszeit verbrachte sie bisher in ländlicher Gegend. Bei dieser Verbundenheit zur Natur ist es unwesentlich, wo ihr Zuhause ist. Vielleicht treibt es sie noch einmal hinaus in die Welt... nachdem sie in Thüringen, wo sie geboren wurde, und lange Zeit auch in Berlin lebte.
Wichtig für sie ist auf jeden Fall die Möglichkeit Kunst erleben, Kunst aufnehmen zu können. Dies sei wohl nur in der Nähe zu größeren Städten möglich, sinniert sie. Dresden hat dabei Einiges zu bieten, obwohl die Kunst vielfach noch ein wenig im Gestern verortet ist. Aber hier und da zeigen Leuchtspuren den Weg in modernere Nischen der Barockstadt. Es wäre schön, wenn Anke Kiermeier diese mit ihrer Kunst weiter bereichern würde.
Ihre Begeisterung dafür gibt sie mittlerweile auch an andere Malwütige weiter. Sie unterrichtet dort, wo sie selbst gerne weilt: an ihr lieb gewordenen Orten, also vor allem en plein air.
Dafür und für ihre eigene künstlerische Entwicklung wünsche ich ihr persönlich und im Namen derer, die diese Ausstellung möglich machen konnten, viel Erfolg und gleichgesinnte Kunstbegeisterte.
Mögen ihre Bilder auch den Besuchern und Zeit-Bewohnern des Hauses sowie den hier Arbeitenden Inspiration und Freude am Augen-Blick sein.

Solvig Frey
Dresden, 19.Juni 2019