3 Tage Kultur

„Auch im Osten trug man Westen“ – wie passt das  zum 30jährigen Jubiläum friedliche Revolution? Und sind „Die Ritter der Tafelrunde“ von damals noch die Helden von heute?
Gehört „Ich liebe Liebe zu dritt“ auch zu einer Art friedlichen Revolution? Was haben Fernsehen und Theater gemeinsam? Viele Fragen, die ich mir nach drei Tagen intensivem  Kulturkonsum stellte.

Am Donnerstag  gastierte der äußerst wortgewandte,  in der Berliner Volksbühne Starstatus innehabende ehemalige Radiomoderator Jürgen Kuttner im Kleinen Haus. Videoschnipselabend nennt sich seine 1996 entwickelte Kunstform.  Damit beglückte er zum erst  zweiten Mal  das Dresdner Publikum, welches zunächst verunsichert (weil unerfahren) auf das eingangs abgespielte „Terrorschnipsel“ reagierte. „Unsre Heimat – das sind nicht nur die Städte und Dörfer…“ – von den Jungpionieren bis heute hat sich wohl dieses Lied am meisten  ehemaligen DDR-Menschen eingeprägt. Damit ca.5 Minuten lang konfrontiert zu werden, war schwer aushaltbar.  Allerdings drückt der Kummer gewöhnte Dresdner nicht selbstbewusst auf den „Aus-Knopf“, wie wohl bereits in einer der Vorstellungen Jürgen Kuttners geschehen. Er erträgt und fragt sich, was er wohl hier für eine Katze im Sack gekauft hat. Als er endlich aufgeklärt und sogar vorgewarnt wird, dass stundenlanges Zuhören tinnitusartige Zustände auslösen kann, verfällt er in erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Jürgen Kuttner hält für seine etwas mehr als 2 Stunden dauernde Vorführung wenige Schnipsel, dafür viele Worte bereit, so dass die Sache mit dem Tinnitus bei hoher Empfindlichkeit schon nahe liegend  ist. Witzig sind die Schnipsel, die  den 50-70er Jahren west- und ostdeutscher Fernsehgeschichte entnommen wurden, allemal. Besondere Wiedererkennungsfreude kommt auf, wenn man Chris Doerk in haut couture singend „Was erleben“ fordern hört – und das in einem DDR-Reisebüro.

Dass der Abend das Dresdner Publikum begeistert hat, steht außer Frage.                40 Sekunden „vertraglich geregelter“ Schlussapplaus bezeugten das.

Nur ich – ich bin leider „noch immer unbefriedigt“ – so wie der Schnipsel mit Rolf Schwendter mir vorausgesagt hat… Ich hätte mir mehr von diesen hübschen kleinen Schnipseln gewünscht und das DarüberNachDenken und Interpretieren etwas mehr dem Publikum überlassen.

Zweiter Abend: „Scheune“ Dresden. Angestammte Konzert- und Veranstaltungslocation seit….Jahren. Ich jedenfalls gehe seit 35 Jahren dort ein und aus. „Stereo Total“ –  die 1993 von Brezel Göhring und Francoise Cactus gegründete Band verbreitete gute (Tanz-)Laune und ausgelassene Mitsingstimmung. „Eklektisch“ nennt die Band selbst ihre Stilrichtung. Für mich ist es feiner Elektro-Pop-Punk. Wenn Brezel Göhring seine Akkorde auf der etwas schräg anmutenden Gitarre schrammt, Francoise Cactus auf ihr Schlagzeug drischt und dabei mit zarter Stimme und französisch kultiviertem Akzent singt  „Ich liebe Liebe zu dritt“ nimmt man ihr das sofort ab, auch wenn Trainingshosen und T-Shirt nicht unbedingt zu erotischer Hingabe animieren.

„Du bist schön von hinten“ eröffnete  den Reigen bunter Melodien, die eingangs vorallem der neuen Platte „Ah!Que!Cinema!“ entstammten. Und es war schon großes Kino, was die alljährlich hier gastierenden Musiker ablieferten.  Da findet auch  eine Art von friedlicher Revolution statt, dachte ich mir und freute mich bei „Ich tanze im Viereck“ an der nun nicht mehr begrenzten Freiheit.

Abend Nr. 3: Das Schauspielhaus schenkte uns im Rahmen von „30 Jahre Friedliche Revolution“- eine Themenwoche der Sächsischen Staatstheater  am gestrigen Sonnabend die Fernsehpräsentation der Uraufführung von „Die Ritter der Tafelrunde“ aus dem Jahr 1989.

Da ich selbst diese in dem gedenkträchtigen Jahr miterlebt hatte, war ich umso gespannter, wie sie nach 30 Jahren auf mich wirken würde.  Ich war von Minute eins an gefesselt von der großen schauspielerischen Leistung, dem philosophischen Gehalt des Textes, der Feinfühligkeit der Inszenierung und der  andächtigen Stimmung im vollbesetzten Großen Haus des Staatsschauspiels.

Die anschließende Gesprächsrunde mit Christoph Hein, dem Autoren des Stücks, der 4 Jahre, wie er sagte, daran geschrieben und 2 Jahre um die Aufführung in einem Theater der DDR gekämpft hatte, mit dem damaligen Regisseur Dieter  Kirst, anderen Beteiligten sowie Schauspielern der damaligen Inszenierung erhellte blitzlichtartig die Situation hinter und vor dem Vorhang vor 30 Jahren.

Welch eine zeitlose, großartig ausgeführte Inszenierung damals gelang, kann man erst jetzt ermessen. Das ist Theatergeschichte vom Allerfeinsten. Und auch wenn die Großen der Vorstellung (Peter Herden, Joachim Zschocke und Rudolf Donath) bereits von uns gegangen sind, bleiben sie doch in unserem Herzen als die Helden und Ritter dieser Zeit erhalten.

Lang anhaltender und stehender Applaus (wie 1989) und Einer stellte – wie damals – den Stuhl auf den (original erhaltenen) runden Tisch: der Darsteller von Mordret, Thomas Stecher. Danke!