Alexandra Wegbahn „random“

Alexandra Wegbahn „Random“
St.Marienkrankenhaus, 29.Januar 2020

Der Philosoph und Autor Richard David Precht meint: „Fragen zu stellen ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte.“.
Falls Sie also schon einen Ausstellungsrundgang hinter sich haben, sind möglicherweise bei Ihnen Fragen offen. Gern möchte ich Ihnen einige – wenn auch weniger
philosophische – Antworten liefern.
„Bin ich echt?“- „Bist du echt?“ Diese Fragen eröffnen das Gespräch mit dem Besucher. Die Künstlerin kommt dem Betrachter damit vielleicht näher, als diesem lieb ist. Die Worte haben ihren eigenen Sog, vermögen anders oder direkter als Bildhaftes Reaktionen zu erzeugen.
Lässt sich die Frage nach der Authentizität überhaupt beantworten?
Auf der Suche nach einer philosophischen Antwort wird geforscht.
„Sei nicht nett. Sei echt!“, ist eine Regel in der gewaltfreien Kommunikation.
Wegbegleiter des Musikers Miles Davis sagen über ihn: „Er war echt.“
„Wer bin ich?“ fragt auch die Künstlerin. Die Identitätsfrage wird zur Sinnfrage. An der Suche nach einer Antwort lässt uns Alexandra Wegbahn teilhaben. Und wir folgen ihr in ihren Mikrokosmos.

„Die kleinste lebende Einheit eines Organismus ist die Zelle.“, weiß Wikipedia und wir aus dem Biologieunterricht. Tatsächlich lassen die Bilder zunächst den Blick durch ein Mikroskop vermuten. Doch sehr bald wird klar, dass die von Alexandra Wegbahn gemalten Zellen dem visuellen Erinnern Ihrer Schöpferin, dem assoziativen Abbild von Formen und Strukturen entspringen. Die Künstlerin interessiert, wie es sich mit abgespeicherten Bildern verhält. Meditatives Zeichnen fördert Unbewusstes ans Licht und damit aufs Papier. Während des kreativen Entstehungsprozesses erinnert die Künstlerin Formen, Strukturen und Muster um diese neu zu definieren. Sie nennt es „Malen nach dem Zufallsprinzip“, eben random und das ist auch der Titel ihrer Ausstellung. Sie schafft mit dieser Herangehensweise nicht nur sehr ästhetische Werke, sondern gibt gleichzeitig den Staffelstab an den Betrachter weiter. Ihr Mikrokosmos ist eine allegorische Wiedergabe von Existentem. Sie begreift dieses intuitive Arbeiten als phantasievolle Reise in den eigenen inneren Kosmos und fordert nachgerade dazu auf es ihr gleichzutun.

Neben den Zell-Arbeiten, die hier größtenteils als Drucke ausgestellt sind, sehen wir eine zweite Serie Bilder mit dem Titel „Niederschläge“. Inspiriert ist auch diese Folge von Mustern. Die Künstlerin hatten japanische Schablonen zum Färben von Samurai-Kimonos nachhaltig beeindruckt. Die auf handgeschöpften Papieren ausgestellten Muster waren vor einigen Jahren im Japanischen Palais zu sehen.
„Diese hochentwickelte Kunst des japanischen Musterdekors hatte (im 19.Jahrhundert) starken Einfluss auf die westliche Ornamentik in Kunst, Kunsthandwerk und…Industriedesign…“ bis hin zur heutigen Street-Art“, ist im Katalog zur damaligen Ausstellung zu lesen. Diesen Einfluss sieht man auch den Arbeiten von Alexandra Wegbahn an. Allerdings produziert sie keine sich streng wiederholende Abfolge von Zeichen, sondern sie betont die Abweichung, das Unregelmäßige. Erst diese kleinen Transformationen machen die Lebendigkeit ihrer Arbeiten aus.

Der Vorliebe für Muster und Formen im Kleinformat stehen ihre, in völlig anderen Dimensionen angesiedelten Objekte gegenüber – wie bei allen Dingen, die Entsprechung suchen.
Ihre Diplomarbeit im Jahre 2008 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden war eine – hauptsächlich aus Papier bestehende – fast raumfüllende Installation. Alexandra Wegbahn erfindet und schafft „Schutzräume“, wie sie diese Objekte nennt. Unter Anderem waren solche auch in der Galerie „Zanderkasten“ und bei der Ostrale zu sehen und: zu begehen!
Nicht laufend, sondern fahrend war Alexandra Wegbahn 2016 mit einem „mobilen Atelier“ im Zug von Dresden nach Wroclaw unterwegs. Die dabei entstandenen Arbeiten sind im Gang zur Kapelle und diesem Festsaal zu sehen. Der Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges wird zum Seherlebnis, wenn man den Gang wie einen „Tunnel“ beschreitet.

„Wer bin ich – und wenn ja wie viele“ ist nicht nur das Erfolgswerk des eingangs erwähnten Autors, sondern könnte gut das Motto der künstlerischen Arbeit Alexandra Wegbahns sein, denn neben ihrer Kunst ist sie auch Vermittlerin. Kunstvermittlerin. In ihrem Atelier in Pieschen gibt sie Kurse (nicht nur) für Kinder und begeistert sich für deren Ideenreichtum. Gleichzeitig führt sie mit dem Fotografen Michael Melerski eine Ateliergemeinschaft und bestreitet mit ihm gemeinsame Projekte. Eins davon war eine Projektwoche mit Kindern und Jugendlichen im Sommer 2018. Es wurde in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendhaus EMMERS Dresden, der Kreativen Werkstatt Dresden und dem Museum für sächsische Volkskunst Dresden verwirklicht und erhielt eine Förderung im Rahmen von – Wir können Kunst – Kultur macht stark!
2019 folgte dann „Cool! Geschichte! Lebt!“ in Kamenz mit dem Schwerpunkt auf Fotografie.
Ein nächstes Projekt ist in Aussicht, dieses Mal auch für erwachsene Interessierte. Im Rahmen des Kultursommers werden 2020 im Roten Haus in Moritzburg Zukunftsthemen verhandelt.
Alexandra Wegbahn ist seit 2016 Mitglied des Künstlerbundes Dresden, doch bereits seit 2010 freiberuflich künstlerisch tätig.
Zur Zeit arbeitet die Künstlerin an einer neuen Serie von Bildern, in der sie die Wirkung von Erinnertem und Gegenwärtigem durch Überlagerung interessiert. Einen kleinen Vorgeschmack hat sie uns mitgebracht. Er ist rechts vom Eingang zum Saal zu sehen. Das Hauptmotiv der Hände symbolisiert für mich den Gedanken des aufeinander Zugehens statt aneinander vorbei und ist damit die logische Fortsetzung des Dialogs mit dem Betrachter, der den Auftakt der Ausstellung markiert.
Für ihre Arbeiten – Siebdruck, Grafik, Zeichnung, Collage und Objektinstallationen – nutzt sie einfache Materialien wie Papier, Pappe, Holz und Stoff; ihre Arbeitsmittel sind Farbe, Tusche, Kreide und Stift.
Die Wahl der Mittel – auch das gehört zur Sinnfrage.

Auf die Frage: „Bin ich echt?“ könnte die Antwort: „Sei du selbst“ sein.
Richard David Precht bezieht sich im so betitelten Buch auf das Gemälde von Caspar David Friedrich „Der Wanderer im Nebelmeer“und benutzt die vordergründige malerische Idylle für seine philosophische Interpretation der Gegenwart. Er sagt:
„Die Leute wollen wieder einfache Antworten, sie wollen wieder zurück in etwas Einfacheres. Alles zerfällt, alles zersplittert. Und ich glaube, dass wir durch das Vertiefen in das 19. Jahrhundert viel darüber lernen können, welche gewaltigen Probleme auf uns zukommen“.
Ist es Zufall, dass der Raumcollage von Alexandra Wegbahn und Michael Melerski 2018 auf der Festung Königstein ebenfalls dieses Gemälde als Vorlage diente?
In Grafiken, Fotografien und Tonaufnahmen spielten die Künstler dabei mit Überlagerungen und Collagen und nutzten dafür den Naturraum, den die Sächsische Schweiz bietet. Das Ergebnis war ein begehbarer Raum, der den Kontrast zwischen Alltag und Naturraum erlebbar machte.

Hoffentlich habe ich nun nicht noch mehr Fragen aufgeworfen, als Sie ohnehin schon hatten.
Lassen Sie einfach die einfühlsamen, zarten Arbeiten von Alexandra Wegbahn auf sich wirken oder fragen sie die Künstlerin nach deren Intention.
Viel Vergnügen bei und mit Selbsterkenntnis wünscht

Solvig Frey
Dresden, 29.Januar 2020