Galerie Kunst und Eros: Helena Zubler „Sweet Spot“

Neben dem Hören, Sehen, Riechen und Schmecken ist uns der Tastsinn gegeben. Was wir alles be-greifen! Können!
Hände können fest zupacken und sie können sanft streicheln. Zudem macht es einen Unterschied, ob wir uns selbst oder ob andere uns berühren.
Wussten Sie, dass es sogenannte Streichelfasern im Gehirn gibt? Diese entscheiden darüber, ob wir eine Berührung als angenehm oder eher unangenehm empfinden.

Hände können aber auch sprechen. Dort, wo es die Zunge nicht vermag. Aber auch dort, wo die Worte fehlen.

Oder der Händedruck. Der sich ja in letzter Zeit rar gemacht hat.
Was sagt er uns über den Menschen, der ihn austeilt.
Sie alle kennen das: die Hände sind etwas feucht, vielleicht vor Aufregung oder trocken und rissig durch Kälte.
Erwidern wir mit einem festen oder einem eher lockeren Händedruck den Gruß?

Hände können also auch Verbindung schaffen. Nicht nur mit Anderen. Sie können auch etwas zusammenführen: beim Brotbacken, an Maschinen, in meinem Fall auf der Tastatur am Bildschirm, bei der Künstlerin beim Malen mit dem Stift oder Pinsel auf Papier und Leinwand.

Im Vorfeld der Ausstellung fielen mir gleich etliche Lieder ein, in denen Hände eine Rolle spielen. Überlegen Sie mal, welche Ihnen zu diesem Thema einfallen…
„Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran…“ , sang Bettina Wegener.

Oder der Beatles-Klassiker „ I want to hold your hand“.
„And when I touch you
I feel happy inside“
Können Sie es spüren – dieses innerlich beglückende Gefühl, wenn Sie sich einander an den Händen halten?
Hier dürfen Sie es ungeniert grad mal ausprobieren. Mit Ihrer oder Ihrem Liebsten natürlich.

Nun heißt die Ausstellung von Helena Zubler „Sweet Spot“. Und Sie haben sich sicher schon gefragt, was das bedeutet. Oder warum ich so weit aushole.

Bei einem Kameraobjektiv beispielsweise ist der „Sweet Spot“ die Blende, bei der ein Objektiv seine beste Schärfe und seinen besten Kontrast erreicht.
Der Vergleich passt, meine ich.
Helena Zubler zoomt in ihren Bildern in diese Position hinein. Es gibt Ausschnitte, Anschnitte, Anrisse. Details wie Nasen, Münder, Arme und….Hände über Hände. Regelrecht besessen scheint sie von diesem Körperteil zu sein. Und sie hat mir auch gesagt, warum: man kann sich durch die Hände einer universellen Sprache zur Interaktion mit anderen Menschen bedienen. Wie ich eingangs beschrieb.
Ihre „Haufen“ (oder wollen wir sie menschliche Knoten nennen?) sagt sie, ähneln manchmal Skulpturen. Wenn sie mit der Kamera festhält, was sie ihren Modellen nicht zumuten kann. Denn schauen Sie sich diese Positionen an – die Akrobatik kann man ja auch bei schnell trocknender Kartonage nicht stundenlang halten.
Was entsteht bei diesen Begegnungen – mit Freunden und manchmal auch Unbekannten – das fängt sie ein und dröselt es für sich anatomisch genau auf. Wie die alten Meister. Die sie übrigens liebt und immer wieder genauestens studiert: die Hautfarben, die Lichtreflexe, die Bewegungen.

Janett Noack entdeckte die junge Studentin der Kunst an der HfbK Dresden schon vor gut 8 Jahren bei einer Jahresausstellung. Und bewies ein ziemlich gutes Händchen, als sie erste Arbeiten von Helena Zubler zu sich in die Galerie holte. Sie gehören heute zum Verkaufsschlager.
Aber was machte sie dazu…
Helena, die unbedingt Kunst studieren wollte, musterte sofort mit ihrer ersten Bewerbung in der Klasse Ralf Kerbach an. Das war vor 9 Jahren. Die Orientierung an der Schule war zu dieser Zeit nicht leicht. Ihre Zeichnungen blieben von der Professur weitestgehend unbeachtet. Doch im Jahr vor dem Diplom explodierten auf einmal Farben und Formate. Helena entdeckte beim Vorzeichnen mit Kohle und Aquarellfarbe die Leuchtkraft von Farbe auf Karton und fand großen Gefallen daran.
Mit einer speziellen Technik fand sie für sich einen Weg schnell trocknende Ergebnisse mit Schellack und Ölfarbe zu erzielen. Sowie die Knoten – die auch ihre Shibari-Zeichnungen zieren – sprichwörtlich geplatzt waren, kam auch die Anerkennung durch ihren Prof. Und eine erste Einzelausstellung: in Bautzen in der „Alten Wasserkunst“.
Nach ihrer anschließend zweijährigen Ausbildung als Meisterschülerin schaffte sie schließlich den Absprung in die künstlerische Selbstständigkeit.
Die Herausforderungen, denen sie sich selbst stellte, wuchsen. Sogar in den vergangenen anderthalb Jahren, die wirklich nicht einfach für die Kunst und ihre Macher waren. Erwähnt seien Helenas Engagement im Sächsischen Kunstverein – z.Bsp.die digitalen Ateliergespräche – und das Kunstprojekt „Kollision der Künste“, das in den vergangenen Wochen in Bischofswerda stattfand und dem sie in diesem Jahr zum 2.Mal mit Gesicht verliehen hat.
Und dies im wörtlichen Sinne: sowohl die Werbegrafik (hier war ihr Berufsabschluss zur Grafikdesignerin von Vorteil) stammt aus ihrer Feder als auch in diesem Jahr wieder: ein Hauswandbild. Ein fetter Pottwal ist es geworden, der sich im Meer räkelt…wären da nicht das Giftfass am Meeresgrund und das symbolische Papier- Boot auf der Wasseroberfläche. Helena Zubler vereint in ihrem Bild Klimaschutz mit politischer Brisanz. Ein außergewöhnliches Motiv für die Künstlerin, das dabei jedoch nicht zur Politkunst geriet.
Für mich ist es außerdem geniale Street-art!

Nach 10 Jahren Dresden hat sie in diesem Jahr (leider) die Stadt verlassen. Es zieht sie in die Richtung ihrer alten Heimat zurück. Sie sucht die Natur. Die hatte sie hier in Form eines Gemeinschaftsgartens und ihrer zweiten Leidenschaft, als Sicherheitstrainerin im Kletterpark Bühlau auch. – Und hier spielen zum wiederholten Male Knoten eine Rolle. – Aber in Langenburg in Baden-Würtemberg kann sie in einem kulturell- und landschaftlich blühendem Umfeld sowohl ihrem künstlerischen Ausdruck als auch ihrer Liebe zum Ländlichen nachgehen. In einem Fachwerkhaus von 1833, das zur alten Stadtmauer Langenburgs gehört, hat sie eine neues Zuhause gefunden und im Erdgeschoss ein großes, helles und geräumiges Atelier. Sie wurde auch bereits als Künstlerin wahrgenommen und willkommen geheißen. Die Projekte werden also wachsen.
Nichtsdestotrotz hat sie wild an dieser Einzelausstellung gearbeitet. Dabei sind viele neue Zeichnungen entstanden. Aber auch Malereien.

Ich freue mich ganz besonders heute ihre Ausstellung mit eröffnen zu dürfen und wünsche Helena ganz viel Erfolg mit ihren Arbeiten hier und auch im neuen Lebenskreis.
Der wird ganz sicherlich nicht auf Sand gebaut sein. Denn Hand in Hand mit Freund, Familie und Gleichgesinnten – so wird es gehen:

„Gib mir die Hand – ich bau dir ein Schloss aus Sand, irgendwie, irgendwo, irgendwann…“ (Nena)

Solvig Frey
17.September 2021

www.kunstunderos.de