Galerie Kunst und Eros

Eins Zwei Dreier
Frank Voigt – Petra Lorenz – Volker Lenkeit
18.September 2020, Galerie Kunst & Eros

Ich baue ein Bild
und vererbe dem
Flügelschlag Hoffnung
die Blätter
die blau und durchsichtig scheinen
viele Wörter
und wenig was gesagt werden muss
aber Schicht um Schicht
beginnt
zu leben

Eins
Hinter sieben Bergen, genauer gesagt: in Pinnewitz findet Begegnung Eins statt.
Kaffee wird aufgebrüht, Tassen auf einem Tablett geordnet.
Wir nehmen auf verwaisten Stühlen im Garten Platz. Frank Voigt beginnt zu erzählen. Von Briefen ist die Rede…
Ich denke an die Ersttagsbriefe meiner Eltern, die mir als Kind besonderen Eindruck gemacht hatten. Ich denke an Luftpost – dünnes, hellgrünes Papier, das eine Verbindung in ferne Länder herstellte. Ich denke an die zu Bündeln verschnürten Briefe im Keller, die ich irgendwann wieder entdecken will, wenn… es sind Relikte aus einer anderen Zeit, so sinniere ich.
Aber jetzt fällt der Begriff Mail-Art. Die Assoziation zum digitalen Brief liegt nahe. Doch weit gefehlt. Ich erfahre, dass diese durch den New Yorker Künstler Ray Johnson in den 60er Jahren ins Leben gerufene Netzwerk-Kunst auch durch hiesige Künstler seit den 80er Jahren gepflegt wird. Kollaborationen nennt Frank Voigt diese Verbindung zwischen Künstlern und meint damit einen fortgesetzten künstlerischen Schöpfungsprozess, dessen Material-grundlage nicht nur Briefe, sondern auch Karten und Objekte einschließt.
Da Mail-Art einen nichtkommerziellen Charakter hat, werden die Ergebnisse dieser Kollaborationen als Schenkungen in museale Sammlungen gegeben. Solcherart Schätze verwahren nun schon Museen u.a. in Chemnitz und Frankfurt am Main.
Szenenwechsel: Zur Schnipseljagdbesichtigung in das knapp 150 Jahre alte Haus. Die schmale Treppe hinauf in den sonnendurchfluteten Gang mit Kindheitserinnerungen: einem Glas-“Archiv“, das in Öl konservierte Gräser aus dem elterlichen Garten und alte Dokumente speichert. An den Wänden eigene Werke und die befreundeter Künstler – ein kleines Museum, denke ich.
Im ebenerdigen Atelier harrt ein schweres Buch mit Collagen seiner künstlerischen Weiterverarbeitung und: geordnet die Arbeiten für die jetzige Ausstellung.

Frank Voigt studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, u.a. bei Werner Tübke. Sein Schaffen ist durch Gemeinschaftsarbeiten vor allem mit Wolfgang Petrovsky geprägt, aber auch, seit ihrem gemeinsamen Kennenlernen, mit Petra Lorenz.
Petra Lorenz, die sich nach einem Studium der Kunstgeschichte vor allem der Restauration widmete, wurde durch die Begegnung mit Frank Voigt zum Vorantreiben ihres eigenen künstlerischen Ausdruckes ermutigt. Sechs Jahre waren sie nicht nur ein künstlerisches Paar, bevor das Leben die Geschichte weiterschrieb.
Zwei
Warum nicht an Märchen denken: Verwunschen in Wünschendorf könnte man es nennen. Hier leben seit neun Jahren Petra Lorenz und Volker Lenkeit zusammen. Für groß gewachsene Menschen ist das Häuschen nicht gemacht. Verwinkelt liegt das Atelier des Künstlers mit milchglasdicken Fenstern, die dennoch genügend Licht in den wohl höchsten Raum des Hauses hineinlassen. Fertige und in Arbeit befindliche Werke in Fülle auf Tisch, an Wänden und auf dem Oberboden.
Unter dem Dach hingegen, eine schmale Leiter hinauf, arbeitet die Künstlerin. Unterschiedlicher könnten Arbeitsorte nicht sein.
Und auch darin liegt ein reizvoller Gegensatz: Volker Lenkeits Arbeiten scheuen keine Konfrontation, Petra Lorenz‘ Werke erblicken erst das Licht, wenn sie ihr ausstellungsreif scheinen. So liegt denn jede Menge Kunst in Kisten versteckt.
Dreier
Was mit der Leidenschaft des Briefe-Malens begann, hat sich zu einem umfassenden Projekt entwickelt. Petra Lorenz hält die Fäden dafür in der Hand, sendet Material in nahe und weite Ferne und wird mit Post aus aller Welt für Ausstellungsprojekte bedacht.
Und damit schließt sich der Kreis, denn kennengelernt haben sich die Drei über den – ich bin versucht zu sagen: Postweg. Doch das wäre nicht richtig. Nur insofern, dass Mailart den Beginn dieser sich gegenseitig befruchtenden Verbindung markierte. Bald genügte es nicht mehr die in Dresden bekannten Freunde für diese Kunstform zu begeistern. Mittlerweile existieren zahlreiche Verbindungen vor allem auch über die Sozialen Medien.
Eine ganz besondere Form der Mailart hat Volker Lenkeit der Sammelleidenschaft von Petra Lorenz hinzugefügt. In Gestalt von Fächern zählen die von ihm gemalten Liebesbriefe zum Valentinstag zu ihren ganz persönlichen und liebsten Schätzen.
Nun, es müssen eben nicht immer Worte sein, die den Weg ins Herz und in die Erinnerungskiste finden.

Was diese Ausstellung hier nun eint, sind Collagen, Zeichnungen und Objekte, ausschließlich dem Thema Eros gewidmet, dem sich Frank Voigt, Petra Lorenz und Volker Lenkeit erstmals gemeinsam in einer Ausstellung verschrieben haben. Und damit ist alles an den Arbeiten der drei Künstler wild und romantisch, sehnsuchtsvoll und melancholisch, ikonisch oder sogar triebhaft.

Volker Lenkeit, der Malerei und Grafik in Dresden, u.a. bei Giebe, Heisig und Kettner studierte, ist mit seiner Kunst und als Kunstvermittler in der Stadt präsent, betreibt die Lithographiewerkstatt in der Alten Feuerwache in Loschwitz, gibt Mal-und Zeichenkurse.
Die von ihm beigesteuerten Zeichnungen (und 2 Collagen), vorrangig mit Aquarellkreide, Buntstift und Graphit ausgeführt, lassen unter der zarten Linienführung und den Pastelltönen deutliche erotische Szenen erkennen. Sie zeigen Verführung, eingebettet in antike Mythen, scheuen jedoch gleichfalls nicht die Nähe zur Liebe auf Knopfdruck.

Petra Lorenz setzt ihre Collagen, ausgeführt auf Kassenblättern einer alten schwäbischen Holzfabrik der 50er Jahre dagegen. Beliebt und begehrt waren sie früher, die Sternbuchblümchen. Hier sind sie vereint mit Funden aus alten Zeitschriften, die lesende Mädchen in träumerischen Posen, sehnsüchtig blickende Damen aus der Gründerzeit und Szenen aus dem indischen Kamasutra zeigen. Farbenprächtig leuchten sie aus den vergilbten und kalligraphisch gestalteten Zahlungsbelegen hervor.
Der Stempel verpasst den Blättern die Botschaft des Liebesbriefes per se.

Die Schau wird abgerundet mit den collagierten Arbeiten Frank Voigts – Figurationen und Miniaturmotiven. Zusätzlich zeugen Digitaldrucke und Computermontagen von seiner derzeit bevorzugten Arbeitsweise.
Er steuerte außerdem nicht nur das Grundgerüst der reizvollen Gemeinschaftsarbeit „Drehmich“ bei. Seine Collagen auf diesen Objekten ergänzen sich in einzigartiger Weise mit den drehbaren Seiten, die Petra Lorenz und Volker Lenkeit gestaltet haben.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch aus dem Vorwort von
Petra Müller & Rainer Wieland zu ihrem Sammelband „Liebesbriefe großer Männer“ zitieren, denn nichts könnte die Einführung in diese Ausstellung für meine Begriffe besser abrunden und eine Anregung zum Aufleben einer alten Tradition sein. (Und einige von Ihnen wissen bestimmt inzwischen, dass ich nicht zum ersten Mal auf diese wunderbare, leider fast aus der Mode gekommenen Form der Kommunikation verweise.)

„Der Liebesbrief ist der direkteste Weg von einem Herzen zum andern – es gibt ihn, seitdem sich die Menschen Briefe schreiben… Auch im Zeitalter moderner Kommunikations-medien hat der Liebesbrief nichts von seinem Zauber verloren. Er ist ein greifbares Stück unsrer Lebens- und Liebesgeschichte, das wir überall herumtragen, in unser Lieblingsbuch oder unters Kopfkissen legen können, das wir in Momenten der Verzweiflung in Stücke reißen oder verbrennen können; das wir aber auch jahrzehntelang auf- bewahren und immer wieder hervorholen können… – auch dann noch, wenn wir alt und grau geworden sind.
Die Liebe mag flüchtig sein wie das Leben, Liebesbriefe sind unsterblich.“

Solvig Frey
Dresden, 18.September 2020

 

www.kunstunderos.de