St.Marien-Krankenhaus: René Weigel

René Weigel  „Gesichtet“

Sie hatten sich einiges anders vorgestellt: der kleine D., der große M., Z. und S., die Protagonisten aus Peter Richters Wende-Roman „89/90“. Für diese Jugendlichen war die Zeit ein Gefäß mit noch ungeahnten Inhalten. Aber zumindest wussten sie, die, wie René Weigel, dem Kreis des Autors angehörten, was sie nicht wollten und das war „Germoney“ – ein sich aus Germany und Money zusammensetzender Begriff, der wie der Kanzler „blühende Landschaften“ versprach. Wenn man René Weigel – im weiteren Verlauf „W.“ genannt – nach seinem ersten öffentlichen künstlerischen Ausdruck befragt, war dieses Wort immerhin der Start seiner Künstler-Karriere. Ziemlich ungefragt hatte er nämlich „Germoney“ als Graffiti-Schriftzug unübersehbar an die Mauer des Künstlerhauses an der Calberlastraße in Loschwitz gesetzt. Was im Allgemeinen nicht so besonders ankam. Aber andererseits dann doch recht massenwirksam als Postkartenmotiv kommerzielle Verwendung fand.
– Die Wege des Herrn sind eben unergründlich –
Seitdem sind allerdings viele Monde und Sonnenwendfeiern ins einheitsgebeutelte deutsche Land gegangen.
Was als schicksalhafte Fügung gedeutet werden kann, hat den Lebensplan des angehenden Künstlers durchdrungen. Aufgewachsen im Dresdner Stadtteil Loschwitz, gegenüber dem bereits erwähnten Künstlerhaus, verpflichteten Schulabschluss und Eltern den jungen W. zu einer hand-festen Lehre. Freude kam bei ihm derentwegen keine auf, eher Widerwillen. Die Eintönigkeit des Lehrberufes forderte, dem etwas entgegenzusetzen. So entstanden nach Absolvieren des theoretischen oder praktischen Unterrichts zu Hause erste Zeichnungen. In W. reifte der Wunsch sich an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden zu bewerben. Im Verein Riesa efau fand er seinen Mentor, der ihn jahrelang begleiten sollte: Sándor Dóró.
Sándor Dóró wohnt als freischaffender Künstler seit 1985 im Künstlerhaus in Loschwitz und lehrt als außerordent-licher Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden.
So nahm das Schicksal des jungen W. seinen Lauf und katapultierte ihn über ein Abendstudium bei Sándor Dóró an der ersehnten Akademie in die Reihen des Bundes der Bildenden Künstler im Jahr 2010. Dazwischen liegt allerdings noch eine Grafikausbildung, in der er auf dem Gebiet der Werbung wertvolles Handwerk für seine künstlerische Weiterentwicklung erlernte. Maßgeblichen Anteil an dieser gebührt ebenso dem Künstler Dyrck Bondzin – in Klotzsche ein vertrauter Name, denk ich.
Zwischen Skulpturen, Grafiken, Scherenschnitten und Performance formte sich die Malerei als Fokus in seiner künstlerischen Arbeit heraus. Mit dieser verbinden sich weitere Entdeckungen des jungen W.: Erstens: Sein Urgroßvater frönte im besagten Künstlerhaus der Miniaturmalerei, die er in Meißen erlernt hatte und Zweitens: Basel wurde als Wirkungsort für beide Männer mit einem Abstand von 3 Generationen markierend im sich schicksalhaft erfüllenden Lebenslauf. Hier greift der anthroposophische Einfluss Rudolf Steiners im Verständnis der eigenen Persönlichkeitsentwicklung des jungen W.
Zwischen Bach und Punk geistert das musikalische Leitmotiv „zerstören um aufzubauen“ der Einstürzenden Neubauten durch seine um die Frage kreisenden Gedanken, wie wohl „die Scheinwerfer des Öffentlichen“ (gemäß Beckett) auf ihn fallen könnten. Er beginnt 2003 sein Projekt der „Selbstentwürfe an Hand eines fremden Gesichts“, dessen Ergebnisse wir in dieser Ausstellung sehen können. Wie vielfältig Gesichter (anhand von Typen), ihre Ausdrucksformen (nicht nur ablesbar in der Titelbenennung) und ihre Darstellung (in Acryl-Technik und bestechender Viel-Farbigkeit) sein können, zeigt uns ein wahres Kopf-an-Kopf-Rennen in den Gängen. Diese Bilder sind auf Kommunikation angelegt, sagt der Künstler. Der Beobachter René Weigel studiert nicht nur sein Gegenüber ausgiebig, sondern trifft sich in ihm wie in einem Spiegel. Für sein inneres Portfolio scannt er Gesichter und behält so Menschen im Gedächtnis, an denen Andere möglicherweise täglich vorbei gehen ohne diese wirklich wahrzunehmen. Anschließend setzt er die Gesichteten auf der Leinwand nach seinem Erinnern und Erleben zusammen. Für seine Arbeitsweise zitiert er dafür einen Gedanken von Angela Böhme: “vom Schein zum Sein“.

Dass sich der Wunsch Musiker zu werden nicht erfüllt hat, liegt wohl zum einen daran, dass seine künstlerische Visitenkarte bereits auf einem anderen Gebiet geprägt wurde. Denn auch die Geburt seines Sohnes im Jahr 2007 brachte für ihn nochmals eine konzentriertere Hinwendung zur Malerei. Das heißt jedoch nicht, dass die Zeit der Träume vorbei ist. Texte, die ihrer Vertonung harren, gibt es bereits reichlich, noch gedeckelt im Notizbuch und im Schrank verwahrt.
René Weigel versteht sich als Suchender, dessen künstlerische und persönliche Entwicklung außerordentliche Lebenssituationen geprägt haben.
Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten sagte einmal: „Ich glaube nicht, dass etwas Wertvolles entstehen könnte, wenn es nicht in einer extremen Lebenssituation entsteht.“ In dem Sinne weisen die in der Zeit des Lockdowns entstandenen Arbeiten von René Weigel nachdrücklich darauf hin: hier ist Bedeutendes am Entstehen und Wachsen.
Zunächst erstmal wünsche ich jedoch viel Zuspruch für die hier hängenden Arbeiten und möglicherweise die eine oder andere Selbstspiegelung.

Solvig Frey
23.September 2020

(Ausstellung im St.-Marien-Krankenhaus, Selliner Str.29, 01109 Dresden)