Lohgerber Museum und Galerie

Olaf Stoy „Apropos!“ – 29.Juni 2024, Lohberger Museum & Galerie Dippoldiswalde

Es ist keine leichte Aufgabe einem so vielseitigen Künstler, wie Olaf Stoy es ist, in einer zeitlich begrenzten Rede (die Sie als nicht zu lang empfinden sollen) gerecht zu werden. Zumal es sich um ein Heimspiel des Künstlers handelt. Da sollten alle Bälle versenkt werden. Aber hier geht es ja ausnahmsweise mal nicht um Fußball…
Die Meisten von Ihnen werden wissen, dass Olaf Stoy hier in Dippoldiswalde geboren wurde und in der Nähe aufwuchs.
Wenngleich seine Wirkstätte seit 1976 eher nördlicher, im Raum Freital, liegt, fühlt er sich seinen Wurzeln hier nahe. Das kann man der Auswahl seiner Arbeiten für diese Ausstellung entnehmen.
Zu beginnen ist mit seiner künstlerisch-beruflichen Tätigkeit in der Sächsischen Porzellanmanufaktur Dresden. Dort war er als Formgießer, Retuscheur und Chefmodelleur 25 Jahre beschäftigt den international geschätzten Porzellanobjekten Gestalt und Gesicht zu geben. Erst 1995 begann er mit der eigenen künstlerischen Interpretation von Porzellan und schuf seitdem zahllose neue zeitgenössische Figuren.
Ich nenne diese, auf einem Zeitstrahl gemessene, intensivste Arbeit als erste, auch wenn in dieser Ausstellung nur wenige Porzellanarbeiten zu sehen sind.
Allerdings finden wir über Eingangs- und Ausgangstür zwei davon – den Schafskopf aus weißem Porzellan und den Wolfskopf aus Böttcherton. Letzterer eine seltene Ehre der Porzellanmanufaktur Meißen, die ihm damit zuteil wurde.

 

Wolfskopf, Böttcherton, Olaf Stoy

Der Witz, der sich in seinen keramischen Arbeiten – hier in den mit Ziegelton geformten Gruppen, Abbilder seiner Ursprungsfamilie – widerspiegelt, ist am ehesten mit einem Gedicht des Autors Olaf Stoy zu beschreiben:

Filou

Du schelm
Schmeichelst mir ganz ungeniert
Obwohl ein jeder weiß
Du hast es faustdick
Hinter deinen ohren

Auch wenn du
Allerliebst
Mit engelszungen
Raunst und flüsterst
Dein Herz bleibt doch versteckt
Im dunkel deiner seele

Man fragt sich
Worauf wartest du
Filou?
Welch´ perfides ränkespiel
hältst du wohl noch
vor uns verborgen?

Das Schreiben, Dichten, Fabulieren gehört zu einem der vielfältigen Talente Olaf Stoys und es findet nicht im Verborgenen statt. Zum Vertiefen gibt es von ihm geschriebene und illustrierte Bücher. In der Vitrine dazu, in der Mitte des Galerieraumes, einen Ausschnitt aus „Pan und Syrinx“.
Und weil Papier ja so geduldig ist, trägt der Autor seine Geschichten und Gedichte gern auch selbst in Lesungen vor. Dabei lässt den verblüfften Zuhörer seine Affinität zur Musik aufhorchen. So manches Liedchen erklang, wurde gesungen und gespielt, aber auch illustriert und ist hier auszugsweise ebenfalls zu bewundern: „Totenstille oder
Die Ballade vom Abschied (auch auf Ytube zu finden).
Apropos:

Flüchtige Zeit

So flüchtig ist die Zeit
Ich seh´ ihr nach
Und frag´ mich
Wovor flieht sie nur?

Darüber hat er auch nachgedacht in all seinen ausgeführten Sparten, der Künstler: Über Vergänglichkeit.
Seine Ausbildungen und vertiefenden Ausflüge reichten und reichen in die Bereiche Plastik, Grafik, Malerei, Zeichnung, Illustration, Fotografie, Lyrik und Prosa hinein.
Sein gegenwärtiges Beschäftigungsfeld liegt vorzugsweise im Ressort Zeichnung. Der Charme von Bleistift- oder Finlinerzeichnung, ergänzt durch mit Tusche oder Aquarellfarben hervorgehobene Flächen oder Schraffuren, liegt hier besonders im Sujet. Die Genauigkeit der Pflanzenstrukturen, die porträthafte Wiedergabe von Tieren, die reduzierten Landschaften, der Mut zu Leerstellen – besonders auffällig im „Wiesenstück“ – zugunsten atmosphärischer Wirkung. Das feine Gespür dafür ist ihm zueigen. Und er vertieft sich in die Welten, die er aufs Blatt bringt. Denn nicht nur Haus, Hof und Getier, sondern auch Szenen des alltäglichen Stadtlebens, wie die Freital, gelingen ihm so auf unaufgeregte Weise. Der Beobachter, der nicht wertend die bestrumpfte und gebeugte Alte Colaflaschen in ihrem Rollstuhl vor sich herschiebend, festhält. Die Jugendlichen in offensiver Haltung dem uns den Rücken zukehrenden Mädchen am Ausländerheim gegenüber. Die Trauerstelle, der täglich eine neue Kerze zuwächst…
Leise bezieht er auch Stellung, indem er zwei seiner Arbeiten nebeneinander drapiert: Silvesterfeuerwerk und Kanonenfeuer. Wie nah und wie weit auseinander sind diese beiden Ereignisse voneinander.

Eine nächste künstlerische Arbeit befindet sich in der Schauvitrine: Er nennt sie: „Handliche Weltbilder“.
Selten bekommt man sie in dieser Dichte zu sehen: die Medaillen und Plaketten. Zu verschiedensten Anlässen schuf er bereits während seiner Tätigkeit als Chefmodelleur Porzellanmedaillen. Als gelernter Keramformer ist es ihm möglich vom Entwurf bis zum Formenguss die Entstehung der keramischen Reliefarbeiten zu begleiten und auch selbst auszuführen. Denn Kleinauflagen produziert er selbst. Anders bei den Werken, die Sie eventuell selbst in der Geldbörse haben – vielleicht schauen Sie mal, ob die Thüringer Wartburg in Form eines 2Euro-Stückes in Ihrem Besitz ist. 2022 schuf Olaf Stoy dieses Motiv. Gleich fünfmal wurden bei einem Wettbewerb seine Motive von Euro-Münzen mit einem 1.Platz gekürt. Olaf Stoy ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst und steht sowohl dem Numismatischen Verein als auch dem Freundeskreis Keramischer Münzen und Medaillen nahe und mit ihm in aktivem Kontakt.

Anlass zu einer freien Reliefarbeit war ihm der 100. Todestag Caspar David Friedrichs, der in diesem Jahr überall sichtbar begangen wird und dem er eine besondere Technik mit Kobaltfarbe und Glaseinschlüssen gewidmet hat. Und eine Arbeit zu Curt Querner.
Dabei können Sie auch gleich rechts von der Tür die Büste des hier aufgewachsenen Künstlers der Neuen Sachlichkeit bestaunen. Ist noch nicht lange aus dem Brennofen heraus, in dem sie dreimal dort Hitze erfuhr. Aber voilá: ein jüngeres Abbild des Künstlers und – ich weiß nicht, ob ich es verraten darf – ein Stück, das nicht nur in den hiesigen musealen Bestand übergehen wird, sondern auch hier in der ständigen Sammlung des Museums gezeigt werden soll.

Die zahlreichen Facetten seines Künstlertums spiegeln sich in seiner Vernetzung mit anderen Künstlern, im Erweitern und Erneuern seines Schaffenskreises. Ich komme damit zu seiner Mitgründerschaft der Kunstinitiative „Georado“ in Dorfhain im Jahr 2019. Regelmäßige Ausstellungen, begleitende Veranstaltungen und offene Ateliertage geben der Kunstinitiative „Georado“ Gesicht und einen weithin tragenden Namen.
Hinzu kommt die kuratorische Arbeit in der Galerie ArtToGo.
Als Kurator und Laudator weiß Olaf Stoy um die wertschätzende Präsentation von Kunst. Nicht nur deshalb hat er den erhobenen Zeigefinger zum Aushängeschild seiner sehr persönlichen Ausstellung gemacht. „Hab acht!“ oder „Obacht“ ,„Achtung!“ („Attention!“), „Bedenke!“ „Übrigens…!“ („Notabene“). Ich möchte noch hinzufügen: „Vorsicht: Kunst!“. Die Deutungshoheit hat der Künstler selbst. Und Sie!
In der die Ausstellung begleitenden Postkartenserie können Sie das für Sie passende „Apropos!“-Motiv finden.

Es gibt noch einiges mehr zu sehen in den Räumen der Galerie nebenan. Alles möchte ich Ihnen aber nicht vorher entdecken.
Vielleicht noch eine kleine Episode, die ich vom Künstler selbst erzählt bekam: Bornholm, die dänische Ostseeinsel südlich vor Schweden scheint es ihm angetan zu haben. Aber vielleicht ist es auch einfach die Zeit, die er dort ungestört seinen Zeichnungen widmen kann. Urlaub vom regen Kontaktepflegen oder networking, wie man heute sagt, und organisatorischen Tätigkeiten.
Auf der kleinsten Trabrennbahn dort entstand eine Zeichnung, die irritiert, würde man doch den Künstler nicht auf einer Pferderennbahn vermuten. Aber auch solch ein Vergnügen kann man im Urlaub, gemeinsam mit einem Künstlerfreund, für sich entdecken: der Eine die wunderbaren Tiere, der Andere das Wetten.

Nun: Eine spannende Neu- oder Wiederentdeckung mit den Werken Olaf Stoys wünsche ich Ihnen und uns allen einen schönen Austausch zu dieser bis Ende September währenden Ausstellung.

Apropos:
Passend dazu, zu den gezeichneten Kompostäpfeln und weil bis Ausstellungsende noch viel Zeit ist, gibt es vom Autor, der übrigens auch Mitglied der Unabhängigen Schriftsteller Assoziation Dresden ist, noch etwas Lyrik:

September

Vielleicht ist heut
Der letzte Sommerabend
An dem die Wehmut noch
In langen Schatten haust
Und fröhliches Gelächter
Von weit drüben zu uns weht

Vielleicht ist heut
Der letzte Sommerabend
An dem der Nachttau
Von den Gläsern perlt
Indes ein erstes welkes Blatt
Aufs weiße Tischtuch fällt

Vielleicht ist heut
Der letzte Sommerabend
An dem sich der Himmel
opernhaft in Farben suhlt
Derweil in Nachbars Garten
Das Fallobst sauer gärt

Vielleicht…

Ganz sicher liegen bis dahin aber noch 3 Monate. Erst einmal wollen wir nämlich die sommerlichen Monate genießen.
Doch vielleicht erleben Sie Olaf Stoys lyrische Interpretationen auch besser live, nämlich hier.
Im Rahmen dieser Ausstellung wird er am 8. August aus einer Auswahl seiner Kurz- und Kleingeschichten unter dem Titel „Freuds Katze“ lesen.
Oder Sie hören ihm jetzt gleich, nach der kommenden Musik, zu.

Solvig Frey,
29. Juni 2024