Museum aktfotoARTdresden

Das Museum aktfotoARTdresden ist eines der kleinsten und befindet sich im Souterrain einer Villa im Preußischen Viertel, am Rande der Dresdner Neustadt. Und es wird das vermutlich einzige deutsche Museum für zeitgenössische Aktfotokunst sein.
Der Gründer und Betreiber der Galerie aktfotoARTdresden, Volkmar Fritzsche, hat den Wechsel von Galerie zu  Museum seit Längerem geplant.

Ein kurzer Rückblick auf 23 Jahre und 99 Ausstellungen:
Im Jahr 1996 entschied sich der Metallgestalter die bisher vom Verband Sächsischer Kunsthandwerker genutzten Räumlichkeiten zu übernehmen und eine Galerie zu gründen. Zu Beginn zeigte er Objekte, Plastiken, Grafiken, Malereien und Schmuck zum Thema Eros. Später geriet die Fotografie immer mehr in den Fokus des Galeristen. Und auch die Umsetzung eigener fotografischer Ideen interessierte ihn zunehmend. So beherbergten die Räume bald nicht nur Kunst, sondern auch Fotoausrüstung und ließen sich nach Bedarf in ein Atelier umgestalten. Und dieser wuchs stetig.
Volkmar Fritzsche, Mitglied im Bundesverband Bildender Künstler, geht es in seiner Fotografie nach eigener Aussage „nicht um Schönheit, sondern um Wirklichkeit. Leben ist Entstehen und Vergehen.“ Nach diesem Credo fotografiert er Modelle in allen Lebensjahrzehnten von 18 – 80 Jahren.
Gerade in Hinsicht auf die Altersgruppe jenseits der Lebensmitte hat Volkmar Fritzsche erreicht, dass Besucher seiner Ausstellungen sich auf Grund der Authentizität seiner Bilder oft entscheiden selbst Modell zu stehen.
Waren zu Beginn Gemeinschaftsausstellungen im Kunstkeller zu sehen, ging der Trend später zu Einzelausstellungen bekannter und weniger bekannter Fotokünstler sowie des Galeristen selbst.
Dem Übergang zu einer anderen Ausstellungsform liegen sowohl praktische als auch konzeptionelle Überlegungen zu Grunde.
Im neu gegründeten Museum sollen Fotoarbeiten von Künstlern unter dem Aspekt des „ästhetischen Körperbildes mit künstlerischem Anspruch“  gezeigt werden. Damit ändert sich nicht der Grundgedanke der bisherigen Ausstellungstätigkeit, sondern nur die Breite und der Schauwert an fotografischen Sichtweisen, denn es werden im fließenden Wechsel aller 4-9 Monate neue Künstler und/oder Arbeiten zu sehen sein.
Für die erste Präsentation hat Volkmar Fritzsche eine Fotokünstlerin und 9 Fotokünstler mit sehr unterschied-lichen Arbeiten und Herangehensweisen an den fotografischen Akt eingeladen. Gern möchte ich Ihnen eine kurze Vorstellung von diesen geben.
Beginnen möchte ich mit Werner Lieberknecht, der die letzte, die 99.Ausstellung, bestritt und deshalb vielleicht noch in bester Erinnerung ist.

Werner Lieberknecht kennt man besonders hier in Dresden als Architekturfotografen. Dass er, der in Leipzig bei Evelyn Richter und Arno Fischer in die fotografische Schule ging, auch Akte fotografiert, war für den Besucher der Ausstellung „Schwarzfahrten“ eine wunderbare Kenntniserweiterung. Werner Lieberknechts Akte sind eigentlich Portraits, so der Künstler im Gespräch. Seine Modelle bezieht er in die Bildentstehung mit ein, so dass oft situationsbedingt der Zufall eine schöne Rolle spielt. Beim spielerischen In-Szene-setzen werden Assoziationen sichtbar, von denen man sich am besten in seinem dazu erschienenen Kunstbuch „Schwarzfahrten“ überzeugt, dem der Schriftsteller Marcel Beyer auch einen Text widmete.
Werner Lieberknecht blickt auf viele eigene, aber auch auf von ihm kuratierte Ausstellungen zurück, wie z.Bsp. 2018 die Präsentation bisher unbekannter Bilder von Evelyn Richter in der Galerie Bautzner 69. Ganz aktuell bereitet er eine Ausstellung seiner Fotos zu Hermann Glöckners Bildkunst in der Müncher Pinakothek vor.

Auch wenn ich keine chronologische Aufführung der beteiligten Künstler anstrebe, setze ich an dieser Stelle fort mit Thoralf Möhlis, dessen Bilder ebenfalls in einer der letzten Ausstellungen im Kunstkeller zu sehen waren.
Sicher erinnert sich der Eine oder Andere an die ungewöhnlichen „Balance-Akte“ mit den „Lady Kittys Hells Belles“ – einer Mischung aus Tanz, Akrobatik und Erotik. Die Gruppe verzauberte den Fotografen so sehr, dass er eine ganze Fotoserie „on stage“ mit ihr arrangierte.
Aus dieser Serie hat er auch eine Auswahl für das Museum getroffen.
Thoralf Möhlis begleitet als KOBOLDfoto Festivals und Tanzevents. Seine „bewegten“ Aufnahmen sind bestechend, lassen sie doch die Atmosphäre dieser Veranstaltungen spürbar werden. Als „Hausfotograf“ begleitet er nicht nur die wunderbare Tänzerin Una Shamaa bei ihren Auftritten, sondern ist der alternativen Tanzszene ein fast unverzichtbarer Dokumentarist geworden.

Klaus Ender, mit seinen Arbeiten besonders den „Magazin“-Lesern der DDR bekannt, zeigte im Frühjahr bis Sommer letzten Jahres seine der natürlichen Nacktheit gewidmeten Schwarz-Weiß-Akte im Kunstkeller. Die Ausstellung umfasste sein Lebenswerk und damit mehrere Jahrzehnte. Die Bildauswahl für das Museum unterlag in kompakter Form der gleichen Maxime.
Ich möchte an dieser Stelle Klaus Ender selbst zu seinen Arbeiten zitieren:
„Die Abbildung eines unbekleideten Körpers birgt die Gefahr, in puren Naturalismus abzugleiten oder den (heute) typischen Klischees zu folgen – und vordergründige, aufreizende Nacktheit darzustellen. Da die künstlerische Fotografie aber mehr ausdrücken will, wird zwangsläufig die Kreativität des Fotografen gefordert. Als meine Aktaufnahmen in den 60er Jahren entstanden, hatte ich keine (westlichen) Vorbilder. Mein Anliegen war es von Anfang an, Schönheit und Anmut des weiblichen Körpers darzustellen, ganz ohne Piercing, ohne Tätowierung und ohne aalglatte Rasur – eben ganz Natur!“

Der nächste Fotokünstler ist ein „alter Bekannter“.
Mario Palitzsch gehört seit dem Jahr 2000 zu den in der Galerie vertretenen Fotografen. Seine Faszination gilt ebenfalls der weiblichen Schönheit. Die Fotos, die bei seinen Shootings entstehen, bezeichnet er als „visualisiertes Begehren“. Damit ist er besonders nah an seinen eigenen Vorstellungen von sinnlicher Aktfotografie sowie an denen der Modelle selbst.
„Form und Pose“ – dieser tradionellen aktfotografischen Arbeitsweise fühlt er sich verpflichtet, eine stilvolle Komposition voll „Anmut und Verlockung“ soll den Betrachter überzeugen. Und das tut sie, wie ich meine.

Ebenfalls seit dem Jahr 2000 ist der Fotokünstler Günter Wünsche Begleiter der Galerie, die sich damals noch „eroticart“ nannte. Seit den 60er Jahren beschäftigt er sich mit Unterwasserfotografie. Doch letztlich war die Begeisterung für den Sport – nämlich das Synchronschwimmen –  Auftakt zum Unterwasserakt.
Das Medium Wasser mit seinen physikalischen Bedingungen erfordert zum Einen Kenntnis, zum Anderen nicht nur Training beim Modell, sondern auch beim Fotografen. Belohnt wird dies jedoch durch ganz besondere Perspektiven, die bei der „normalen“ Studiofotografie so nicht möglich sind.
„Die Körpersprache einer Tänzerin, gepaart mit der
Schwerelosigkeit unter Wasser und die richtigen
Rahmenbedingungen machen die Einmaligkeit
dieser Aufnahmen aus.“, so Günter Wünsche.

Noch ein Name sollte in dieser Runde aufhorchen lassen.
Andreas Maria Kahn, aus Braunschweig kommend, seit vielen Jahren in Berlin beheimatet, präsentierte hier bereits im Jahr 2011 seine Werkschau „Homo sapiens SEXUS“. Schon vor 8 Jahren zeigte der Fotokünstler im Kunstkeller ästhetische Akte von Frauen und Männern unter ungewohntem Blickwinkel und in teilweise morbiden Inszenierungen. In den für das Museum ausgewählten Arbeiten konfrontiert er den Betrachter mit dem „blanken“ Homo sapiens. Ich finde den frontalen Akt in seiner Authentizität frappierend berührend.
Andreas Maria Kahn kann als Mitglied im Berufsverband bildender Künstler Berlin sowie als Mitglied des Kunstforums Weilheim auf zahlreiche Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen, u.a. in Berlin, Hamburg, Potsdam und zuletzt in Görlitz verweisen. Außerdem ist 2015 sein Buch „Heilige Inszenierungen“ im Verlag Ralf Liebe erschienen und hier einsehbar.

Vor 6 Jahren sah ich auf der mittlerweile zur Bienale avancierten Ostrale – einer Werkschau zeitgenössischer Kunst –  in Dresden erstmals Bilder der niederländischen Fotokünstlerin Lilith Love und war von ihren farbenprächtigen und witzigen Selbstinszenierungen begeistert.
Im Jahr 2015 holte Volkmar Fritzsche eine Serie ihrer Selbstportraits in den Kunstkeller. Unter dem Titel „Intrauterine“ war die kleine intime Schwarz-Weiß-Serie mit Handy-Fotos von Lilith zu sehen. Diese zeigte die Künstlerin in der Badewanne – eine sinnliche Inszenierung als Ode an die Mutter(schaft) und Assoziation ihrer Ängste und der Zerbrechlichkeit von Leben.
Lilith ist über die Grenzen der Niederlande bekannt und hatte bisher Ausstellungen u.a. in Antwerpen, Brüssel, Genf,  Aachen, Birmingham, New York und Vermont. Sie ist weltweit in Galerien und Museen mit ihren Arbeiten vertreten.
Ihre aktuelle Serie nimmt sie zur Zeit auf Reisen in Hotels auf und man kann sehr gespannt auf die Ergebnisse sein.
Hier zeigt sie u.a. Bilder aus ihrer Serie „A house is not a home“ und „Color“.

Einen ebenso außergewöhnlichen Künstler habe ich vor Jahren bei der Lektüre des bereits erwähnten „Magazins“ entdeckt, womit ich auch gleich wieder eine Brücke schlagen möchte. Das in Berlin publizierte Monatsheft war zu DDR-Zeiten „Bückware“, vor allem auch wegen der darin enthaltenen fotografischen Akte. Noch immer sind monatlich fotokünstlerische Arbeiten zu diesem Thema enthalten und deshalb an dieser Stelle auch eine Empfehlung von mir.
Nun aber zum Künstler: Marc Antonio. Er stammt aus Chemnitz, hat seit über 20 Jahren fotokünstlerischer Tätigkeit internationale Präsenz mit Ausstellungen und Publikationen u.a. in der Schweiz, Amerika und Italien erreicht.
Sein Faible gilt dem männlichen Akt, den er sehr aufwändig inszeniert. Damit hat er in der Kollektion des kleinen Museums ein Alleinstellungsmerkmal. Naturaufnahmen gehören neben Akten unbedingt mit zu seinem Portfolio. Oft sind seine Akte Inszenierungen in einem Landschafts-bild und spielen mit Anleihen auf Gemälde der Romantiker oder des Barock. Damit steht er u.a. in der Tradition des Dresdner Künstlers Sascha Schneider, der um und nach 1900 dem männlichen Körper in Malerei und Skulptur huldigte.
Für das Museum hat Marc Antonio sich für Schwarz-Weiß-Fotos entschieden, die seine Liebe zu Venedig wieder-spiegeln, aber auch Hommage an unsere Stadt, an Dresden, sind.

Da ich eben „Das Magazin“ zum zweiten Mal erwähnte:
aller guten Dinge sind drei!
Günter Rössler darf in der Sammlung aus mehreren Gründen nicht fehlen. Zum Einen gehört er – wie Klaus Ender – zu den bekanntesten Aktfotografen der DDR und ist u.a. eben auch durch seine im „Magazin“ publizierten Fotos bekannt geworden.
Zum Anderen hat er den Kunstkeller mit 2 Personalaus-stellungen beehrt, zuletzt im Jahr 2012 – ein Jahr vor seinem Tod. Noch heute gibt „Das Magazin“ Jahreskalender von ihm heraus. Seine klassischen Schwarz-Weiß-Akte kommen nicht aus der Mode und sind in der Natürlichkeit der Pose nicht nur geschichtliches Zeugnis des Umgangs mit Nacktheit in der ehemaligen DDR, sondern nach wie vor wegweisend für Fotografen.

Ich hoffe, Sie folgen mir noch, wenn ich Ihnen die „Neulinge“ in der Reihe der schon genannten Fotokünstler  vorstelle.
Zum Einen ist es Markus Lokai.
Markus Lokai bezeichnet seine Bilder als Transformation durch Projektion. Ihn interessiert die Verbindung zwischen Technik und Mensch. Er arbeitet dafür mit einem Bildprojektor, mit Hilfe dessen er Bilder auf die Körper seiner Modelle projiziert. In einer seiner Fotoserien verwendet er Notenblätter als Projektionsgrundlage.
In seinen Fotografien lässt sich die (gespielte) Musik nur erahnen, das Modell wird zum tanzenden Klangkörper.
Ist es ein Tanzstück oder eine getanzte Symphonie ? Die Verwandlung suggeriert Beides.
Markus Lokai lebt in Köln und studierte Fotografie in Belgien. Er arbeitet für Magazine und Zeitungsverlage und publiziert auch international erfolgreich. Ausstellungsprojekte führten ihn u.a. nach Ungarn und nach Tschechien.

Mark Kessler leitet eine Werbeagentur in Westfalen, ist daneben als freier Fotograf und Journalist unterwegs.
In seiner Studiofotografie bedient er die Liebhaber  weiblicher Schönheit mit klaren und perfekten Posen. Geprägt von der Ausbildung an der analogen Kamera durch seinen Vater sowie seiner werbetechnischen Ausbildung entstehen Aufnahmen, die sowohl ihn als auch seine Kunden in das richtige Licht setzen.
Sein Credo formuliert er wie folgt:
„Was wir sehen, sind nicht die Dinge selbst. Erst das Spiel von Reflexion und Absorption des Lichtes, gefiltert vom Stammhirn und interpretiert von unseren eigenen Erwartungen lässt in jedem von uns ein ganz subjektives Abbild der Welt entstehen.“

Das finde ich, ist auch ein gutes Schlusswort zur Vorstellung der teilnehmenden Fotografen.

Zum Abschluss aber möchte ich stellvertretend für Volkmar Fritzsche die Frage einer Journalistin beantworten:
Warum der Wechsel von Galerie zum Museum?
„Galerien sind Kunsthandlungen, also darauf ausgerichtet, ausgestellte Kunst zu verkaufen. Meist vertreten sie auch ganz direkt Künstler und bemühen sich, deren Werke zu verkaufen.
Museen dagegen sind keine kommerziellen Einrichtungen, sondern dort werden Ausstellungen mit möglichst großem Schauwert präsentiert.
Die Ausstellungen im Kunstkeller hatten schon immer einen wenig kommerziellen Charakter, sondern einen hohen Schauwert und wurden vom Besucher eher schon als Museum angesehen. Mit der Umwandlung in ein Museum wird damit einer schon lange gegebenen Realität entsprochen – denn Aktfotokunst wird höchst selten gekauft, aber in Ausstellungen gern gesehen.“

Nun wünsche ich allen Akteuren und voran dem Gründer des Museums für zeitgenössische Aktfotokunst Volkmar Fritzsche eine gute Aufnahme durch Sie als Besucher und einen regen Austausch über Aktfotokunst und ihre zahlreichen Varianten und Ausrichtungen.

Ein Wort noch zur Minibühne. Diese bleibt erhalten unter dem Namen „Eros“. Sie werden weiterhin hier kleine, unterhaltsame, vielleicht auch streitbare Programme zu dem namensgebenden Thema erleben.
Auch dazu laden wir herzlich ein.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich wünsche Ihnen einen anregenden Nachmittag und seien Sie neugierig auf die nachfolgende Performance mit der Tänzerin Una Shamaa.

Solvig Frey
Dresden, 20.Juli 2019

www.kunstkeller-dresden.de